Mittwoch, 16. September 2015

Stalking ist gefährlich


Tag 1 - Montag


Es fing erst ganz harmlos an. Ein hochgewachsener Mann mit pickeligem Gesicht und roten Augen rempelte ihn auf offener Straße an, dreht sich zu ihm um und fasste sich an die Nase. Er dachte sich nichts dabei und verbrachte einen normalen Tag im Büro. Der Tag war hart, viel Papierkram der langweilig aber hochkonzentriert erledigt werden musste. Bis er abends die Firma verließ, war der Vorfall längst vergessen. Erst auf dem nach Hause weg stutzte er, da ein Junge in kaputten Hip-Hop-Klamotten vor ihm stehen blieb, ihn direkt anstarrte, sich an die Nase fasste und kurz rieb. Da der Junge weiter ging, vergaß er diesen Vorfall bis zum Abendessen auch wieder.

Erschöpft lies er sich zu Hause vor den Fernseher fallen und dachte nur noch selten an die Nasenjungs.

Tag 2 - Dienstag

Morgens erwachte er ausgeruht und fit und genoss seinen Kaffee und das Müsli in Ruhe, bevor er sich auf den Weg ins Büro machte. Gedankenverloren spazierte er durch die eilenden Menschen, Zeit hatte er genug. Er musste plötzlich stehen bleiben, denn die Person vor ihm war stehengeblieben. Lange, blonde Haare die samt Körper herumwirbelten, erregten seine volle Aufmerksamkeit. Hübsche blaue Augen schauten ihm direkt in seine und überrascht stellte fest, das in dieses attraktive Gesicht eine Hand fasste, die die Nase rieb.
“Na toll!” dachte er, “Ist das jetzt eine neue Mode, die ich verpasst habe, oder was soll der Quatsch?” Die junge Frau verschwand und er ging den Rest des Weges, verwirrt und eine leichte Unruhe spürend. Beinahe hätte er die Abbiegung zu seinem Büro verpasst.
Schleppend zog sich der Tag dahin. Ablage hier, Anträge dort, Zahlen da, sein Tag halt. Ein Hobby wäre nicht schlecht, eines wo er sich auspowern konnte. Irgendwas mit Action oder Sport. dachte er bei sich, wenn, ja, wenn er nicht an die drei Gestalten denken musste, die ihre Nasen gerieben hatten. Komisch war das ja schon und trotz des herrlichen Wetters war seine Laune nicht die beste. Als der Feierabend langsam und zäh heran gekrochen war, verließ er die Firma durch den Hinterausgang. Man weiß ja nie. Je länger er ging, je weiter er sich von der Firma entfernte, desto ruhiger wurde er. Hin und wieder schaute er sich um, nichts Besonderes. So ging er weiter. Da passierte es:
Unweit seines Hauses, vielleicht 5 Minuten noch, stand auf der anderen Straßenseite der schmierige Typ in zerrissenen Hip-Hop-Klamotten und starrte ihn an und nur ihn. Irritiert blieb er stehen und blickte beunruhigt auf die Gestalt, die dann sofort die Hand an die Nase hob. Er traute seinen Augen nicht und stand mit offenem Mund da. Der Typ drehte sich, ohne die Miene zu verziehen weg und verschwand im Park. “Scheiße!” war das einzige, was er dachte. Da es nicht mehr so weit war, bog er sicherheitshalber in eine Seitengasse ab um seine Schatten nicht zu seiner Wohnung zu locken. Es war eine typische Verbindungsgasse zwischen zwei größeren Straßen. Werkstätten, Ladebuchten und Müllcontainer in großer Zahl wurden malerisch unterstrichen von Schlaglöchern, lose rumfliegender Müll und streunenden Katzen. Ungefähr in der Mitte dieser heimeligen Hinterhofgasse angekommen, trat vor ihm am Ausgang der Gasse, eine Gestalt hervor, stellte sich mittig hin und fasste sich an die Nase. Es war der Junge in den kaputten Hip-Hop-Klamotten, viel zu großen Hosen und dem BaseCap mit dem geraden Schirm. Unsicher blieb er stehen, was tun? Zurück? Gute Idee. Er drehte sich um und ging die ersten Schritte, da trat auch an dem Ende der Typ von gestern in den zerrissenen Klamotten auf den Weg, stellte sich breitbeinig hin und fasste sich an die Nase. Zutiefst erschrocken schaute er hektisch zwischen seinen beiden Verfolgern hin und her. Er fühlte sich eingekreist, gefangen ohne Fluchtweg. Er kannte diese Abkürzung zwischen den Straßen und wusste, dass es nur die beiden Ausgänge gab, an denen die beiden Freaks standen.
Wie auf Kommando setzten diese sich in Bewegung und verschwanden aus seinem Sichtfeld.
Die letzten Meter bis zur Wohnung verbrachte er im zügigen Schritt und war froh, als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel. Was nun? Polizei? Freunde? Na, die werden mich auslachen, einsperren oder denken ich hab ‚nen Knall. Hab ich einen Dachschaden? Nein! Die Nasenleute habe ich gesehen. FUCK! Erst mal einen Schnaps und dann entspannen. Nur war an Entspannung nicht zu denken. Unruhig ging er in seine Wohnung auf und ab. Bei zwei Zimmern und 45 Quadratmetern war hier nicht viel zu laufen und als beim fünfte Mal in der Küche angekommen, fluchte er laut. “Ich lasse mich doch nicht von Halbstarken einschüchtern und nervös machen, das wäre doch gelacht! Ich kenn die nicht mal.” Also ab vor den Fernseher mit einem Bier und ruhiger werden. Wenn es so einfach wäre. Zwar lenkten das Bier und der Fernseher ab, doch die Gedanken kreisten immer wieder um die Nasenleute. Die Gesichter huschten in die Werbebilder, legten sich über die Models und verschwanden einfach nicht. Erstaunlich, mit wie wenig Aufwand man einen Menschen so der Art aus der Fassung bringen konnte. Das Programm im Fernsehen plätscherte dahin und der Wunsch ins Bett zu gehen wuchs. Dort stellte sich leider auch kein Schlaf ein. Ruhelos drehte er sich von einer Seite auf die andere, gähnte, rollte und fluchte.

Tag 3 - Mittwoch

Die ganze Nacht, so hatte er den Eindruck, schlief er kaum und wachte entsprechend entnervt vom Wecker klingeln auf. Der Kaffee war zwar stark, half aber nicht und die heiße Dusche tat gut, brachte aber kaum Leben in seinen verschlafenen Körper. Umständlich verlief der Versuch, sich anzukleiden, ständig gehorchte die Kleidung den Gesetzen der Schwerkraft und selbst die Tür, sonst immer ganz offen, lauerte ihm mit ihrer schmalen Kante auf. Sein Kopf schmerzte davon noch, als das Haus verließ. Die Sonne strahlte mit dem freundlichsten Sonnenschein, die Vögel zwitscherten als gäbe es kein Morgen mehr und der Himmel hatte ein unschuldiges blau, dass es eine Freude war. Erneut fluchte er, zum wievielten Male schon an diesem Morgen?
Auf dem Weg zur Arbeit holte er sich an einem Kiosk einen viel zu teuren aber starken Kaffee und einen Schokoriegel. Immer wieder schaute er sich um, schaute in alle Seitenstraßen. Lauernd betrachtete er jeden Fußgänger als potentielle Gefahr, sich öffnende Türen als Angriff. Nervös blickte er auf Tore  Eingänge und es passierte - nichts. Gar nichts. Niemand achtete auf ihn, niemand rempelte ihn an, niemand fasste sich an die Nase.
Im Büro das gleiche, nichts ungewöhnliches, keine besondere Arbeit, immer der gleiche Kram. Sein neue Kollegin fragte ihn, ob er schlecht geschlafen hätte, er sähe so blass und müde aus. Die gebrummte Antwort war nicht nett aber deutlich. Als der Abteilungsleiter sich dann vor dem Kopierer an der Nase kratzte, wäre er beinahe vor Schreck über den Mülleimer gestolpert, so hatte ihn diese Bewegung aus dem Tritt gebracht. Doch hatte dies nichts mit denen der Nasenleuten zu tun und der Chef schaut ihn an, als sei er nicht ganz dicht.
Der Feierabend kam heute schneller, als gewünscht. Beim Anziehen und Sachen packen ließ er sich viel Zeit. Das Kribbeln im Nacken wurde mit jedem Schritt zum Hauptausgang größer. Sein ganzer Körper war angespannt wie eine Bogensehne. Der leichte Schweißfilm auf der Stirn machte ihm seine Nervosität bewusst. Entschlossen ging er zum Ausgang und endlich durch die Tür. Sich umschauend blieb er einen kleinen Augenblick stehen. Nichts, niemand stand irgendwo und wartete auf ihn. Nur der übliche Feierabendverkehr, lauter Menschen, die auch nur nach Hause wollten, etwas essen, fernsehen und schlafen. Also weiter.
Heute wählte er Seitenstraßen, belebt zwar, aber neben den eigentlichen Hauptwegen. Immer wieder wechselte er die Straßenseite, denn nur so konnte er sich wirklich unauffällig umschauen  und sicherstellen, dass ihn niemand verfolgte.  Schritt für Schritt kam er seiner Wohnung näher. Bisher konnte er niemanden sehen und die Unruhe wuchs. Kurz vor der Wohnung fing er an zu laufen und schloss so hastig die Haustür auf, dass er den Schlüssel erst noch verlor. Er sprang geradezu die Treppen hoch und warf die Tür hinter sich zu. Ein erleichtertes aufatmen. Zu Hause. Bescheuert! dachte er, Sich so aus der Ruhe bringen zu lassen. “Erst mal was essen und ein Bier, dann schauen wir weiter.” sprach er zu sich selbst und ging daran, den Plan umzusetzen. Feierabend, Fernsehen, Flaschbier und Filzpantoffeln waren bisher für ihn immer eine entspannte Variante der Erholung gewesen, heute half es nicht. Die Nasenleute liefen in der Werbung, in den Nachrichten und auf dem Bierlabel. Die Couch wurde unbequem und hart, der Nacken tat weh, schließlich erhob er sich stöhnend, einen Fluch ausstoßend, der selbst die frechen Pennäler auf dem Weg morgens hätte erröten lassen. Gedankenverloren ging er zum Fenster und schaute hinaus. Nur noch wenige Menschen liefen durch die Straße, ein Radfahrer, ein Mann mit Hund, der mit gelangweilter Haltung dem Hund beim Kacken zuschaute und eine dicke, junge Frau auf der anderen Straßenseite stand. Langsam schaute er die Straße rauf und runter bis sein Blick wieder bei der Dicken hängen blieb. Er sah sie an, sie sah zu ihm hoch. Die Blicke trafen sich und wie in Zeitlupe fuhr ihre Hand zur Nase und rieb sich daran. Er stand wie vom Donner gerührt da, verlor fast die Flasche aus der Hand, Hitze stieg in ihm auf und kalter Schweiß stand auf der Stirn. Ein Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit kroch seinen Rücken hoch. Unten auf der Straße ging die Frau langsam davon und verschwand um eine Straßenecke aus seinem Blickfeld. Übelkeit kroch seinen Hals hoch, er hatte das Gefühl sich übergeben zu müssen. “Was zur Hölle …?” aber eine Antwort kam ihm nicht.

Tag 4 - Donnerstag

Die Nacht war anstrengend gewesen. Schlaf war nicht sein Begleiter, höchstens ab und an fielen die Augen zu, nur so lange bis ein vermeintliches Geräusch ihn wieder aufschrecken lies. Einen Narren schalt er sich und stand auf um sich einen Kaffee zu machen und sehr heiß zu duschen. Was gestern half, kann heute ja nicht schlecht sein. Guter Gedanke, doch Schlafmangel lässt sich so leicht nicht vertreiben, musste er feststellen. Hartnäckig blieben die Augen trocken und müde, der Kopf schmerzte gemütlich vor sich hin.
Die Sonne lachte gehässig vom Himmel, auch heute zwitscherten die Vögel fröhlich und schrill in sein Ohr, dass es eine quälende Freude war. Dem schreienden Kind wollte er am liebsten den Hals umdrehen, so schmerzte das Gebrüll. Seine Sachen schnappend, die Jacke überwerfend verließ er die Wohnung und schaute sich vor der Haustür um. Niemand zu sehen. Er hatte eine Idee, welche er nach Feierabend umsetzen wollte. Und er wollte etwas recherchieren und einigen Freunden ein paar Fragen stellen. So voller Pläne ging er müde und gereizt in die Firma. Trotz des pochenden Kopfes startete er seine Arbeit, auf dem Weg in die Firma war nichts passiert.
Zur gleichen Zeit an einem anderen Ort in der Stadt wurde ein Eintrag in einem geheimen Forum gemacht:
Absender: Poolitzer
Betreff: Das Objekt wird nervös :-)
Nachricht:
Hoi Chummers!
Das Objekt wird langsam unruhig.
Tattoo hat dem Objekt gestern noch einen Schrecken eingejagt,
als es sie auf der Straße vor seinem Haus sah.
Es schaute noch mal aus dem Fenster raus,
als sie schon los wollte.
Was für ein Erfolg! Gut gemacht, Tattoo!
Weiter so Leute, diesmal schaffen wir es vielleicht schon schneller, als vier Wochen.
Haltet euch ran, übertreibt aber nicht.
Greetz Poolitzer
Antwort
Absender: Schlagergott
Betreff: Re: Das Objekt wird nervös :-) Glückwunsch!
Nachtricht:
Hoi Tattoo!
Sehr cool! Schön abgewartet und Geduld gezeigt. Du schaffst das! Vorgestern hat es mich angestarrt wie ein Auto. LOL Sehr geil, musste an mich halten, damit ich nicht laut los lache. Wie geil! Wir kriegen ihn. Nur nicht durchdrehen. Zu schnell wird auffällig.
Cya Schlagergott
Derweil wurden in der Firma einige Mails an Freunde verschickt. Ebenso recherchierte er nach Schreckschusswaffen und Pfefferspray. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Die Müdigkeit machte ihm zwar arg zu schaffen, sein Chef war auch nicht gerade eine Hilfe und meckerte heute besonders viel an ihm rum. Nicht, dass das was besonderes war, aber heute traf es besonders hart und auf fruchtbaren Boden. Am Abend verließ er die Firma durch einen Nebeneingang, den kaum jemand kannte und nutzte. So verschwand er zwischen den Leuten ungesehen von einem jungen Studenten mit Spitznamen Poolitzer, welcher ihm fröhlich in der Nähe der Firma auflauern wollte. Zwei Stunden nach dem üblichen Feierabend des Objektes gab er auf und bewegte sich in Richtung dessen Wohnung. Zu spät, schimpfte er mit sich, das Objekt war wohl schon drin. Ärgerlich, dachte er, heute wollte er so gern einen drauf setzen. Es war doch wichtig, das Objekt bei Laune zu halten. Der Stresslevel musste hoch gehalten werden, sonst würde es sich vielleicht entspannen. Dieses Mal wollen sie den Deutschlandrekord von vier Wochen brechen. Er konnte den Leader der anderen Gruppe eh nicht ausstehen. So ein abgefuckter Medizinstudent. Poolitzer wollte mit seinen Leuten einen sehr schwer zu knackenden Rekord von knapp einer Woche aufbauen, das würde diesem aufgeblasenen Medizinmann lehren, dass die angehenden Psychologen mehr drauf hatten. Und eine Woche wäre ein Rekord, den so schnell niemand brechen könnte.
Als er zu Hause in seiner Wohnung war, schaute er sich seine Einkäufe an. Pfefferspray, Pistole und Munition. Jeweils eine Packung Platz- und Gaspatronen. Und zwei Ersatzmagazine waren dabei. Den Teleskopschlagstock wollte er sich erst später bei Bedarf kaufen. Er lud die Waffe fertig und machte sich dann sein Leibgericht: Spaghetti mit Tomatensauce. Heute war ein Feiertag.
Nach dem Essen, das ihm sehr gut tat, ging er mit einer Flasche Bier in der Hand auf den Balkon und schaute sich den frühabendlichen Himmel an. Die Vögel waren ruhiger, die Sonne sank langsam gen Horizont, aber immer noch war es recht hell. Einige Kinder spielten auf der Straße, die letzten Fahrradfahrer fuhren nach Hause. Bei der Gestalt, die dann um die Ecke kam, wurde im sofort mulmig im Magen. Sie trug eine schwarze, glatte Lederhose, ein T-Shirt und hatte schwarze Haare mit einem auffälligen weißen Streifen darin. Der Typ blickte sofort in seine Richtung, auch als er weiter durch die Straße ging. Ihre Blicke trafen sich. Er oben auf dem Balkon, der Typ unten auf der Straße. Direkt vor dem Haus blieb der stehen und fasste sich, fast hatte er es erwartet, an die Nase. Hastig eilte er in die Wohnung um seine Kamera zu suchen, doch als er den Balkon erneut betrat, war der junge Mann mit den schwarzgestreiften Haaren fort. Schade. Er bräuchte Bilder, wenn er etwas beweisen wollte.
Mit dem Pfefferspray an der Seite und der Pistole unter dem Kopfkissen schlief er deutlich ruhiger ein, die Waffe wollte er erst mal in der Wohnung lassen, das Spray sollte reichen.
Noch am späten Abend gab es einen Eintrag im Forum:
Absender: Poolitzer
Betreff: Das Objekt ist nervös!
Nachricht:
Hoi Chummers!
Heute lief das Objekt gleich voller Angst vom Balkon
in die Wohnung als ich die Aktion durchführte.
Ein Erfolg also! Wir haben ihn langsam weich.
Nun dran bleiben. Twink!
Du warst erst einmal dran, jetzt noch mal ran,
aber von der Ferne aus, dann ist Ordog dran.
Greetz Poolitzer

Tag 5 - Freitag

Geschlafen hatte er dieses Mal besser, geholfen hatte es eher wenig, bei zwei durchwachten Nächten. Immerhin war die Laune besser, der Kaffee schmeckte und das Müsli ausnahmsweise auch. Seine Laune sank rasch wieder auf einen Nullpunkt, als er direkt vor der Haustür die blonde Frau vom ersten Tag wieder sah. Sie blickte ihn von der anderen Straßenseite aus an, fasste sich an die Nase und ging dann zur Straßenecke. Trotz des Verkehrs überquerte er direkt die Straße und lief der Frau hinterher. Kaum um die Ecke gebogen, blieb er stehen. Nichts, niemand war zu sehen, die Straße war, bis auf einige parkende Autos leer, weit entfernt fuhr ein Radfahrer und eine Gruppe Kinder wuselten zur Schule. Er fluchte laut und ging wieder zurück seinem Weg zur Arbeit nach.
In der Straße stand ein Kleinwagen, alt und unauffällig. Darin saß, tief auf den Beifahrersitz gebückt, die junge Frau. Sie blickte erleichtert in den Rückspiegel, als sie sah, dass das Objekt wieder zurück ging. Auf eine Verfolgungsjagd hatte sie gar keine Lust. Und diese Schlappe, schwor sie sich, würde sie auch niemandem erzählen.
Das Objekt selbst nahm sich vor, den Schlagstock zu kaufen, denn nun hatte es Angst. Wenn die Nasenleute schon so offen und morgens sich an ihn ran machten, dann wurde es gefährlich. Sollte er doch zur Polizei gehen? Die würden ihn auslachen und einen Angsthasen nennen. Oder doch? Schaden konnte es nicht. Die Antworten auf seine Mails waren alles andere als erbaulich. Einer fragte, ob er zu viele schlechte Soaps gesehen hätte, ein anderer, ob er wieder Horrorfilme geschaut hätte, die seien ihm noch nie bekommen. Der dritte war der Meinung, er solle sich endlich mal wieder was zum Vögeln suchen, das bräuchte er jetzt wohl dringend. Nun, so falsch war das nicht, aber helfen würde das nicht gegen die Leute, die ihm auflauerten.
Wut und Verzweiflung packten ihn. Hilflos sann er über eine Lösung nach, doch ihm fiel nichts ein. Müsste er jetzt den Rest seines Lebens ertragen, dass ständig jemand vor ihm stand und sich an die Nase fasste? Der Kloß in seinem Hals wurde dicker, Tränen drohten die Augen zu verlassen. Er wurde wütend darüber, auf sich selbst und seine Mutlosigkeit. In Gedanken schalt er sich einen Idioten und ein Weichei. Seine Faust trommelte auf den Tisch, das Büro dröhnte von den Schlägen, so laut, dass seine Kollegin erstaunt ins Büro schaute, sich aber schnell wieder trollte, als sie seinen Blick sah.
Ist wohl nicht sein Tag heute. dachte sie.
Ohne Essen, zu wenig getrunken und unglücklich ging er nach Hause. Den Schlagstock hatte er völlig vergessen, so sehr nahm ihn das Erlebte mit. Und gerade als die Stimmung auf dem Tiefpunkt war, erwischte ihn der nächste Angriff umso heftiger: Er wollte gerade in die letzte große Hauptstraße biegen, die zu ihn seiner Straße brachte, als vor ihm ein Junge stand mit bleichen Gesicht, schlechter Haut und unzähligen Pickeln. Die rötlichen Augen und das fettige schwarze Haar machten den Anblick nicht besser. Mitten im Weg stand der Bengel und gerade als er schon leicht ausweichend die Richtung ändern wollte, fasste sich der Junge an die Nase und grinste ihn boshaft und triumphierend an. Dann drehte er sich um und lief um die Ecke davon. Wie versteinert stand er da, unfähig sich zu rühren. Kälte kroch seinen Rücken hoch, Schweiß stand auf der Stirn. Sein Atem ging schwer.
Nach einigen Minuten die Ewigkeiten währten, war er erst in der Lage nach Hause zu gehen. Das Hemd war nass, ihm war kalt, der ganze Körper angespannt und völlig augelaugt. Und das alles nur, weil ihn Leute verarschten, die er gar nicht kannte. Warum das alles? Was hatte er denen getan?
Eine halbe Stunde später im Forum
Absender: Ordog
Betreff: GOTCHA!
Nachricht:
hoi chummers!
hab ihm am arsch gekrigt. man, war der platt! stahnd muggsmeuschen still da, wie ein erschrekter hamster. ROFL!!!! war saugeil, glaub der war geschokt ohne ende. GOIL!!!!! wann darf ich wieder?
cu ordog - der killer :-)))))
Etwa eine Stunde später folgte die erste Antwort:
Absender: Poolitzer
Betreff: Re: GOTCHA!
Nachricht:
Hoi Ordog!
Gut gemacht, du wartest erst mal ab!
Halt dich an das besprochene Vorgehen.
Jetzt kommt der nächste, der das Objekt angeht.
Wir wollen es nicht überreizen aber dran bleiben.
Denk dran: Es ist das Objekt, nicht er!
Greetz Poolitzer
PS: Ordog, gewöhne dir endlich eine ordentliche Schreibweise an!
Es gibt auch eine Taste zum Groß- und Kleinschreiben.
Derweil plagten das Objekt, einige Kilometer weiter in seiner Wohnung andere Sorgen. Er wurde verfolgt. Fakt. Er wusste nicht warum. Fakt. Er konnte es kaum verhindern. Fakt. Er hatte Angst. Scheiß Fakt. Er hatte eine Waffe. Guter Fakt. Er wusste nicht, ob er sie einsetzen würde. Blöder Fakt. Und er war sauer. Sehr guter Fakt! Ihm würde schon etwas einfallen, dachte er sich. Nur was? Auf den Balkon wollte er nicht mehr. Oder doch? Ein Foto wäre gut. Und ganz sachlich alles aufschreiben, was bisher passiert war. Gedacht, getan nahm er sich einen Block Papier und schrieb alles auf, auch dass er sich eine Waffe und Pfefferspray besorgt hatte. Das schlechte Schlafen, die Angst, das Gefühl der Hilflosigkeit, die Wut, alles schrieb er auf und fühlte sich deutlich besser danach.
Dann suchte er sich seine Kamera, stellte heimlich durch ein Fenster den Zoom schon mal auf die richtige Entfernung ein und holte sich ein Bier. Ja, heute würde es ein hübsches Bild geben, dachte er sich. So stand er auf dem Balkon, trank mit der einen und hielt mit der anderen Hand die Kamera versteckt.
Nichts … nichts passierte. Nur nervige, spielende Kinder, Männer mit Hunden, die sie Gassi führten, wer wen führte war oft nicht sofort ersichtlich, Radfahrer und Zeitungsboten. Sonst nichts. Verärgert ging er in die Wohnstube und legte sich eine DVD ein. Es war ein Zeichentrickfilm, aber die heitere Stimmung übertrug sich nicht auf ihn. Erst das dritte Bier half und beruhigte seine Nerven. Viel besser fühlte er sich aber nicht. nachdem der Film zu Ende war, ging er erst das Bier wegtragen, dann auf den Balkon. Unten stand die dicke, jüngere Frau von vor zwei Tagen. Sie blickte zu ihm hoch, fasste sich im gleichen Moment, als ihre Blicke sich trafen, an die Nase und schaute ihn weiter an. Sofort lief er in das Zimmer, holte die Kamera und visierte über den Rand des Balkons. Die Frau stand noch da und war im Begriff zu gehen. Er bekam ein Bild von ihrem Profil hin, worin er einen leichten Schrecken zu erkennen glaubte. Aber ein Beweis war das nicht, dass wusste er. Immerhin ein Anhaltspunkt. Er schaute sich das Bild einige Zeit auf seinem PC an, doch er kannte diese Frau nicht. Hässlich war sie nicht, aber sehr dick für ihre Größe. Und dann auch noch hautenge Kleidung. Woher kennt die mich?
Etwa 15 Minuten später ein Eintrag im Forum
Absender: Tatto
Betreff: Schlag zwei
Nachricht:
Hoi Chummers!
Hab dem Objekt, wie abgesprochen einen weiteren Schlag versetzt. Dieses Mal ist er wie ein erschrecktes Eichhörnchen vom Balkon gesprungen. War schon lustig. Und das auf die Entfernung. Bin dann gleich gegangen.
Tattoo
PS: Wisst ihr ob das Objekt eine Kamera hat?
Etwa zwanzig Minuten später folgte dieAntwort:
Absender: Poolitzer
Betreff: Re: Schlag zwei
Nachricht:
Hoi Tattoo!
Gut gemacht!
Für heute reicht es.
Morgen kommt der nächste dran.
@Ordog, kannst du ihm morgens auflauern?
Was soll die Frage nach der Kamera?
Greetz Poolitzer
Absender: Tatto
Betreff: Re: Re: Schlag zwei
Nachricht:
Nur so. Tattoo

Tag 6 - Samstag

Samstag zu arbeiten ist blöd. Aber was hilft das heulen? Was muss das muss. Hatte zumindest immer seine Mutter gesagt. Ausgehen wäre nicht schlecht. Mal wieder unter Leute, vielleicht ‘ne Frau abschleppen. Ja, schöner Gedanke, immer wieder unterbrochen von Leuten, die sich an die Nase fassten. So krieg ich nicht mal einen hoch, dachte er bei sich und raffte sich auf. Müsli, Kaffee gegen die Müdigkeit und los. Ein wenig steif stapfte er die Treppe runter und machte die Tür auf. Direkt davor stand der junge Kerl in den Hip-Hop Klamotten. Riesiges Basecap mit geradem Schirm, was sehr dämlich aussah, die fettigen langen Haare und dazu die dreckigen Fingernägel, die sich langsam wie in Zeitlupe samt Hand auf dem Weg zur Nase befanden. Die Hand rieb die Nase, fiel herab und der Hip-Hopper drehte sich siegessicher grinsend von ihm weg und ging Richtung Straße.
“Was soll das, du Arsch?” rief er mit heiserer Stimm hinterher, doch der Junge fing einfach an zu laufen und war weg, bevor er selbst die Straße erreicht hatte. Ich darf mich einfach nicht so überraschen lassen. dachte er bei sich und spielte in der Tasche mit dem Pfefferspray. Wütend über sich selbst, die Nasenleute und seine Schwäche ging er nach Richtung Firma. Er wäre fast wieder ruhig gewesen, wenn nicht kurz vor dem Haupteingang der Typ mit den schwarzweißen Haaren und der Lederhose ihn mit einem Pfiff auf sich aufmerksam machte. Er drehte sich zu ihm um, der Typ fasste sich an die Nase und verschwand in der Menge die gen Bus eilte. Ihm sank das Herz in die Hose, die Knie wurden weich, schwer atmend stützte er sich an der Wand ab. Es brauchte Minuten, bis er wieder klar denken und ruhiger Atmen konnte. Langsam und mit wackeligen Beinen ging er ins Büro. Beiläufig fragte ihn seine Kollegin, ob es ihm nicht gut gehen würde. Er bat sie einfach um ein Glas Wasser, es sei der Kreislauf. Er wäre schon die Tage so komisch, meinte sie. Er schaute sie prüfend an, sie lächelte. Hübsch ist sie, dachte er kurz.
“Wollen Sie wirklich wissen, was los ist?” fragte er nun tonlos. “Ja, sonst würde ich ja nicht fragen.” war ihre Antwort.
„Setzen Sie sich, es ist eine längere Geschichte. Ungefähr eine Woche lang.“
Stumm hörte sie zu, runzelte hier und da die Stirn und meinte am Ende sachlich:
“Sie haben ein Problem.”
“In der Tat.” war sein trockener Kommentar.
“Wenn das alles stimmt, was Sie erzählen, dann wird Ihnen wohl kaum jemand glauben.” sagte sie.
“Die Polizei kann nichts machen, ein Freund hatte ähnliches mal berichtet, er ist Polizist, und eher wird man von Ihnen vermuten, Sie wollten sich wichtigmachen oder haben einen an der Klatsche.”
“Danke.” sagte er müde. “Genau das denke ich auch. Und inzwischen zweifel ich auch langsam an meinem Verstand.”
“Wir können ja nach Feierabend einen Kaffee zusammen trinken.” schlug sie vor “und alles nochmal in Ruhe besprechen.”
Er runzelte die Stirn und blickte sie prüfend an.
“Nur, wenn Sie wollen natürlich. Wenn es Ihnen helfen würde.” beeilte sie sich zu sagen und wurde rot.
“Ja ... ja natürlich, gern. Helfen würde es auf jeden Fall.” haspelte er schnell eine Antwort und sie verabredeten sich für den Feierabend vor dem Firmenausgang.
Absender: Poolitzer
Betreff: Doppelschlag
Nachricht:
Hoi Chummers!
Uns ist ein Doppelschlag gelungen!
Erst hat Schlagergott dem Objekt
DIREKT vor der Tür aufgelauert,
es hätte beinahe gekotzt,
meinte er.
Dann konnte ich ihm einen weiteren Schlag versetzen.
Unmittelbar vor seiner Firma.
Wir wollen ja nicht,
dass es sich dort sicher fühlt.
*evil grin*
Hab es danach beobachtet.
Scheiße sah es aus,
stand eine ganze Weile dumm rum.
Der Schlag hat also auch gesessen.
Greetz Poolitzer
Absender: Schlagergott
Betreff: Re: Doppelschlag
Nachricht:
Hoi!
Ja, war cool. Grad hat es die Tür aufgemacht und stand direkt vor mir. Man, war das Objekt überrascht. Hammer! Dachte, es kotzt mir vor die Füße. Hab ich gelacht. Herrlich. Den kriegen wir. Nur dran bleiben sollten wir jetzt.
Schlagergott
PS: Roy Black ist nicht tot!
Absender: Ordog
Betreff: Re: Re: Doppelschlag
Nachricht:
hoi chummers!
cool!!!!!sehr goil!!!! wir krign ihn!!!! ich mach jetz auch wider was! ich will es auch in den arsch treten.
cu ordog - der killer
ps wer is roy blak?
Absender: Poolitzer
Betreff: Re: Re: Re: Doppelschlag
Nachricht:
@Ordog:
NEIN! Du wartest! Twink ist jetzt dran, sie ist vor Ort und wird zu einem weiteren Schlag ausholen. Dann prüfen wir, was es macht. Der nächste Schlag wird dann kurzfristig besprochen. Haltet euch bereit!
Greetz Poolitzer
Derweil in der Firma war das Objekt nervös. Auf der einen Seite waren die Nasenleute ihm nun sehr dich aufgerückt. Auf der anderen Seite freute er sich auf das Käffchen mit der Kollegin und genoß fast die Nervosität, die das Date hervorrief. Sie hatte in den letzten Wochen schon öfter mal so nett gelächelt. Bah, wie ein junger Schüler, reiß dich zusammen! dachte er bei sich. Die Zeit kroch unfreundlich langsam vor sich hin, die Arbeit half gar nicht und war langweilig. Wieder und wieder dachte er an die Kollegin, die Nasenleute und mögliche Hobbys. Sport wäre eine Idee. Irgendwas mit Selbstverteidigung  sicher nicht verkehrt.
Endlich machte er sich auf den Weg zum Haupteingang. Seine Kollegin stand schon draußen in der Sonne und genoss sichtlich die Wärme. Sie lächelte ihn strahlend an als er auf sie zuging.
“Da sind Sie ja. Schön! Wo wollen wir hin?” fragte sie mit einem Strahlen im Gesicht, dass er unruhig wurde.
“Hmm … keine Ahnung.” antwortete er. “Bisher war ich nur in meiner Gegend immer mal in einem Café. Hier kenne ich mich nicht so aus.”
“Das macht nichts, hier um die Ecke ist ein schönes kleines Eiscafé, da gehen wir hin.” entschied sie und ging los.
Er schaute ihr schmunzelnd hinterher, erfreute sich an ihrer Figur und begann die ersten Schritte hinter ihr her, da fiel sein Blick auf die gegenüberliegende Straßenseite. Eine ihm mittlerweile bekannte, blonde junge Frau stand dort, sah ihn ruhig an und fasste sich an die Nase. Vor Schreck erstarrt blieb er stehen, wurde bleich und wackelig in den Knien. Unfähig sich zu bewegen, stand er da und schaute der Blonden hinterher, die triumphierend grinsend zwischen den Fußgängern verschwand.
“Wo bleiben Sie?” fragte seine Kollegin. Sie schaut aus einigen Metern Entfernung zu ihm. Erst verwundert dann erkennend, dass etwas passiert sein musste, blickte sie sich um, konnte aber niemanden erkennen.
“Ihr Fanclub?” fragte sie trocken. Sein schwaches Nicken war Antwort genug.
“Ihnen geht’s wirklich Scheiße.” sagte die Kollegin überraschend und hart, so dass er lachen musste.
“Jaaahhh.” kam die gedehnte Antwort. “Schön ist das nicht, bin ja nicht mal ein Star.”
“Nein, und niemand holt sie da raus.” meinte sie schmunzelnd. “Was soll’s, essen wir erst mal ein Eis und schauen weiter.”
Er nickte schlapp und zusammen gingen sie den Rest zum Eiscafé. Erst als er eine Weile gesessen hatte, entspannte sich sein Körper. Das Lächeln war weniger verkrampft. Der zweite Espresso brachte seine Energie zurück und das Eis schmeckte vorzüglich, seine Kollegin strahlte mit der Sonne um die Wette. Kaum traute er sich, sie anzuschauen. Er wollte sich gerade wohl fühlen und vollends entspannen, da stand wieder die Blonde auf der anderen Straßenseite. Die Kollegin sah sie zuerst, tippte ihm an den Arm worauf hin er auch in die Richtung blickte und erbleichte.
“Ihr Fanclub ist hartnäckig.” sagte sie kühl und musterte die junge Frau auf der anderen Seite. Diese rieb sich kurz an der Nase und verschwand dann zügig aber nicht hektisch im Gewühl der Menschen.
“JA!” rief seine Kollegin neben ihm aus.
“Was?” fragte er erschreckt zurück.
“Hat geklappt!”
“Was?” fragte er sichtlich verwirrt.
“Ich habe ein Bild von ihr gemacht mit meiner Handykamera. Nicht Preisverdächtig aber ausreichend für eine Identifizierung für später mal.”
“Aaahh.” sagte er schlapp. “Das ist gut, von einer anderen habe ich auch schon ein Bild gemacht.”
“Da war’n es schon mal zwei.” grinste sie. “Das Bild maile ich Ihnen zu. Und ich frage mal ein paar Leute.”
“Ja, danke. Sagen Sie …” fing er an.
“Ja?”
“Warum tun Sie das?” fragte er mit unsicherer Stimme.
“Vielleicht, weil Sie mir leid tun, vielleicht, weil ich Sie nett finde.” antwortete sie ruhig.
“Nett?” grinste er dann und zwinkerte, “Schon klar, nett”.
Derweil im weltweiten Netz:
Absender: Twink
Betreff: Zeugin
Nachricht:
Hallo ihr bösen Chummers!
Es gibt eine Zeugin. Das Objekt hat im Eiscafé gesessen, wo ich einen zweiten Angriff gestartet habe. Es saß dort mit einer Frau im gleichen Alter, ich glaube sie hat mich gesehen, aber nichts gemerkt. Das Objekt wiederum schien es voll zu erwischen, wie schon eine Stunde vorher vor seiner Firma. Das Objekt war echt von der Rolle und konnte sich kaum bewegen. Musste mir das Lachen verkneifen. Wenn wir so weiter machen, schaffen wir den Rekord.
Grüße an alle! Twink
10 Minunten später im geheimen Forum:
Absender: Ordog
Betreff: Re: Zeugin
Nachricht:
hoi Twinki!
cool gemacht!!! das rockt!!! ich geh auch noch ma los auff ihn, der soll schlecht schlafen. Meine Karre is auch wieder fit
cu ordog - der killer
5 Minuten später:
Absender: Poolitzer
Betreff: Re: Re: Zeugin
Nachricht:
@Ordog:
Warte verdammt noch mal ab! Wir müssen jetzt bedacht vorgehen. Das Seil darf nicht überspannt werden. Die Belastung des Objekte soll hoch sein aber nicht zu hoch. Und wenn du nicht aufpasst, passieren Fehler. Also warte ab! Ich will erst noch wissen, wer diese Frau beim Objekt war.
Bitte bestätigen, Ordog!
Greetz Poolitzer
20 Minuten später:
Absender: Poolitzer
Betreff: Re: Re: Zeugin
Nachricht:
@Ordog
Hast du das gelesen?
Greetz Poolitzer
Derweil machte sich ein hochgewachsener junger Mann mit bleicher, pickeliger Haut und langen schwarzen Haaren daran, sein Auto zu besteigen und zum Objekt zu fahren. Er bereitete sich vor, als zöge er in den Krieg. Schwarze Stiefel, schwarze Militärhose mit Beintaschen, am Gürtel Messer und Taschenlampe. Das schwarze T-Shirt wurde von einer natürlich ebenso schwarzen Weste verdeckt, welche auch aus einem Militärversand kam. Seine schwarze Schirmmütze zog er tief ins Gesicht, er hoffte damit seine Brille und seine Pickeln ein wenig verbergen zu können. Ein Bart wollte ihm einfach nicht wachsen, so sehr er die paar Haare auch rasierte und zu züchten versuchte.
Der Wagen war sein ganzer Stolz. Zwar kaum jünger als er selbst und stark verrostet aber seins. Ok, seine Eltern bezahlten den Wagen ab, aber das störte ihn nicht. Für einen Kleinwagen hatte die Kiste relativ viel PS, was er unheimlich cool fand und in Gedanken beim Fahren immer Rennen fuhr. Ordog bildete sich ein, er sei wirklich der coole Runner aus dem Roman und verfolge einen Wetworkauftrag oder würde von den Cops verfolgt und müsse diese abhängen. Jetzt freute er sich, dem Objekt wieder eines auszuwischen.
Keiner aus der Gruppe kannte das Objekt. Die Wahl war völlig zufällig auf es gefallen. Sie hatten es anfangs reihum beschattet, was schon aufregend genug war. So fanden sie raus, wo es wohnte, arbeitete und was es am Wochenende so trieb. Sie wollten den Stalkingrekord brechen. Andere Gruppen hatten es bereits geschafft, innerhalb von wenigen Wochen Objekte derart zu bedrängen, das diese Selbstmorde begingen. Der aktuelle Rekord lag bei 3 Wochen und 6 Tagen. Poolitzer, Psychologiestudent, hatte die bisherigen Gruppen interviewt und die Vorgehensweisen genau analysiert. Daraus hatte er dann einen Plan entwickelt, der ermöglichen sollte, das Objekt in weniger als zwei Wochen zum Selbstmord zu bringen. Im geheimen hoffte er, dass sie es in knapp sieben Tagen schaffen würden. Das wäre dann kaum zu schlagen und sie zu Helden auf lange Zeit machen.
Poolitzer war schon so einer, dachte Ordag beim Fahren. Schlau und gerissen genug, den anderen Gruppen die Infos zu entlocken. Cooler Typ. Und eiskalt. Als sie sich damals alle getroffen hatten um das Vorgehen zu besprechen, hatten alle Angst vor ihm gehabt. Tattoo, seine Freundin, meinte hinterher, der sei sehr berechnend gewesen. Aber cool.
So in Gedanken kam Ordog in der Straße vom Objekt an und parkte in der Seitenstraße, die auch Twink schon genutzt hatte. Er schaute sich unauffällig um und beobachtete das Haus. Nichts zu sehen. Ein guter Runner kann warten! dachte er bei sich und stellte sich so hin, dass er nicht auffiel aber die Straße und die Wohnungsfenster vom Objekt sehen konnte.
In der Wohnung saß das beobachtete Objekt und freute sich seit Tagen das erste Mal wieder. Zumindest ein wenig. Die Kollegin hatte er nach Hause gebracht, sich für die Hilfe bedankt und als Antwort ein Lächeln bekommen, was ihm den Magen zusammen zog. Auf dem Weg nach Hause hatte er lächelnd an sie denken müssen. Es war schön, nicht mehr ganz allein zu sein mit der Belastung. Den Abend verbrachte er vor dem Fernseher. Schon der erste Film war so langweilig und einschläfernd, dass er müde zu Bett ging. Immer wieder hatte er die Blonde, seine Kollegin, die Dicke, seine Kollegin, das Pickelface und seine Kollegin vor Augen. Er war wütend, dass die Erinnerung an seine Kollegin ständig abriss.

Tag 7 - Sonntag

Endlich schlief er doch ein um sofort wieder aus dem Schlaf gerissen zu werden. Was war das? Hatte er sich getäuscht? Es hatte geklingelt. Zweimal! Um diese Uhrzeit? Er rührte sich nicht. Sein Atem ging schnell, das Herz pochte.
Wieder klingelte es zwei Mal. In der stillen Wohnung dröhnte es wie Glockengeläut.
Langsam stand er auf und ging zur Gegensprechanlage. Er drückte auf den Sprechknopf. “Ja?”
Nichts.
Keine Antwort.
Eine Vorahnung keimte in ihm auf. Mit steifen Beinen und im Hals hochkriechender Angst ging er zum Fenster und schaute hinunter auf die Straße. Da war er.
Der schlaksige junge Mann mit den schwarzen langen Haaren stand dort und fasste sich an die Nase. Dann reckte er sogar den Mittelfinger zur Wohnung hoch. Erstaunt blickte das Objekt runter und wurde wütend. Doch der schwarz gekleidete verschwand um die Ecke.
“VERDAMMTE SCHEISSE! WAS HAB ICH EUCH GETAN?” rief er laut aus.
Einige Minuten verstrichen und niemand war unten in der Straße zu sehen. Mit weichen Knien ging er zurück zum Bett und legte sich hin. Es dauerte lange, bis er sich beruhigt hatte und auf Schlaf hoffen durfte. Grad fielen ihm die Augen zu, die Gedanken fingen an zu verschwimmen, da schellte die Türklingel erneut durch die nächtliche Wohnung.
“GOTT VERDAMMT!” fluchte er und sprang aus dem Bett, rannte zur Sprechanlage und rief hinein:
“Was zur Hölle wollt ihr von mir? Lasst mich in Ruhe!”
Stille am anderen Ende.
Wutschnaubend ging er zum Fenster. Unten, auf der anderen Straßenseite, dieses Mal einige Meter weiter zur Seitenstraße hin, stand der gleiche Typ und fasste sich an die Nase. Gerade so konnte man noch das hämische Grinsen erkennen, bevor die Gestalt in den schwarzen Klamotten um die Ecke verschwand.
An Schlaf war nicht zu denken. Was tun, fragte er sich. Seine Kollegin wollte heute mit Freundinnen feiern, die war nicht zu erreichen. Die wenigen Freunde, die er hatte, waren entweder unterwegs oder mit der Familie weg und um die Uhrzeit will niemand mehr mit Problemen eines Bekannten belastet werden.
“Ich muss hier raus!” sagte er sich und begann sich anzuziehen und einige Sachen zu packen. Nur etwas Wasser und Essen in den Rucksack, die Pistole in das Schulterholster und raus. Nur raus hier!
Mit großen Schritten eilte er die Treppen runter und durch die Haustür. Die Straße war leer, weit und breit kein Lebewesen. Die Nacht hüllte sich in Unschuld. Fluchend spuckte in die Rabatten. Sein Auto stand auf dem Parkplatz, die Ruhe in Metall gegossen. Den Rucksack warf er hastig in den Kofferraum, sprang auf den Fahrersitz, startete den Motor und fuhr mit leicht durchdrehenden Reifen los. Nur weg von der Wohnung, der Seitenstraße und diesen Leuten. Wohin? Egal, erst mal raus aus der Stadt.
Auf der Hauptstraße fuhren noch andere Autos, so dass er das kleine rostige Auto mit dem jungen Fahrer nicht bemerkte.
Ordog grinste breit. Die anderen würden begeistert sein und ihn sicher mit Lob überhäufen. Zweimal hatte er das Objekt wachgeklingelt. Das hatte sich noch niemand getraut. Bestimmt hatte er es jedes Mal dann wachgeklingelt, wenn es grad eingeschlafen war. So wie es geflucht hat, war es schon schön sauer. Toll! Ordog wollte gerade ein drittes Mal zur Türklingel gehen, da ging die Haustür auf. Grad noch konnte er sich in eine dunkle Ecke drücken und beobachten, wie das Objekt zu seinem Wagen eilte.
“Es will abhauen.” murmelte Ordog vor sich hin. “Verdammt! Jetzt kommt meine große Stunde!” Er sah noch, wie das Auto los fuhr und den Parkplatz verließ, da flitzte er zu seinem Auto und nahm die kleine Parallelstraße, ohne Licht und viel zu schnell fuhr er bis zum Ende. Dort bog er Richtung Hauptstraße ab. Hier fuhren mehr Autos, das zwang ihn zwar dazu, das Licht anzumachen, deckte ihn aber auch. Der Pickelige konnte eben noch sehen, wie das Objekt zwischen den Autos beschleunigte. Fast zu schnell bog er ab, dem Objekt hinterher, schnitt zwar die Kurve aber um diese Uhrzeit war nichts los. Ordog achtete immer darauf, dass mindestens ein, eher zwei Autos zwischen ihm und dem Objekt waren. “Wo fährt es denn hin?” fragte er sich laut. Dabei bemühte er sich die Stimme eines irren Serienkillers nachzuahmen, den er mal im Fernsehen gesehen hatte. “Es hat nachts nicht in der Gegend herum zu fahren sondern darauf zu warten, dass es erschreckt wird.” sagte er mit dem gehässigen, herablassenden Tonfall, den er so cool fand. Während der Fahrt tippte er Tattoo eine SMS. Sie dachte, er sei ihr Freund. Soll sie doch, immerhin schläft sie mit mir, das reicht erst mal. Er schrieb ihr, dass er unterwegs war und dem Objekt folgen würde.
Zwei Stadtteile weiter schreckte eine dicke, blonde Frau aus dem Schlaf hoch weil ihr Handy auf dem Nachttisch summte und hell erleuchtet war. Schlaftrunken las sie die SMS, murmelte einen Fluch und überlegte, was sie tun sollte.
5 Minuten später im Forum
Absender: Tatto
Betreff: Das Objekt verlässt das Nest
Nachricht:
Hoi Chummers!
Ordog ist hinter dem Objekt her. Es hat die Wohnung verlassen und ist auf dem Weg raus aus der Stadt. Er verfolgt es grad.
Tattoo
In einem anderen Stadtteil schreckte Poolitzer aus dem Schlaf, weil sein Handy eine Nachricht anzeigte. Er bekam aus dem Forum automatisch eine Mail, wenn jemand dort was schrieb. Leise fluchte er. Das war gar nicht gut. Jetzt war es erforderlich, das Objekt über einen größeren Raum zu verfolgen. Sowas ist aufwendiger als in einer Stadt. Egal, da kümmere ich mich morgen drum. Er machte das Handy aus und rollte sich wieder in seine Decke ein, dachte an Twink, seine Freundin. Morgen besuche ich sie, blöder Weiberabend.
Zur gleichen Zeit am Stadtrand verließen zwei Autos die Stadtgrenzen und fuhren auf eine gut ausgebaute Landstraße. Das Objekt fuhr nun direkt vor Ordog, der einen normalen Abstand halten wollte. Dann kam ihm eine sehr coole Idee.
“Und jetzt holte der Killer zum Schlag aus!” rief er und fuhr dichter auf den vor ihm fahrenden Wagen auf. Dieser schien davon zuerst unbeeindruckt, fuhr nach einigen Minuten aber doch schneller. Ordog blieb dran.
So fuhren sie fast exakt gleich schnell einige Minuten dahin, die dem vorderen Fahrer wie Stunden vorkamen. Plötzlich scherte der Wagen hinter ihm aus, beschleunigte stark und überholte ihn. “Blödmann!” dachte er und fuhr weiter rechts und etwas langsamer. “Immerhin bin ich dich dann los.”
Doch es kam anders. Der Wagen fuhr zwar weiter aber auf gleicher Höhe hielt er kurz die Geschwindigkeit um dann erneut zu beschleunigen. Direkt vor ihm wurde der Überholende langsamer, so dass er bremsen musste.
“Alter, gehst du mir auf den Sack!” fluchte er. Er musste bremsen. Der Wagen vor ihm blieb nun so auf der Straße stehen, dass er nicht vorbeikam.
“Verpiss dich, ich hab andere Sorgen.” rief er und erschrak, als er sah, wer aus dem Wagen ausstieg.
Ordog, der Killer hatte seinen großen Auftritt. Noch beim Überholen hatte er sich an die Nase fassen wollen, doch erstens schaute das Objekt nicht und zweitens fiel ihm etwas Cooleres ein. Er bremste das Objekt geschickt aus, stellte den Wagen quer, stieg aus und schaute direkt zum anderen Wagen. Das Objekt selbst konnte er durch eine Straßenlaterne ganz gut erkennen. Es saß mit offenem Mund da und starrte ihn aus großen Augen an. Möglichst langsam fasste er sich an die Nase. Dreimal rieb er sie und lies den Arm fallen. Dann grinste er so breit über diesen Sieg, dass er hätte schreien können. Ordog konnte sich gerade noch beherrschen und stieg ein. Erst im Auto fing er an zu jubeln. Dem habe ich es gezeigt, das hat gesessen. dachte er. Gemächlich fuhr er davon, er wollte ja nicht den Eindruck einer Flucht erwecken. Kurz nachdem er wieder fuhr, waren die Lichter des Wagens auch weg. Nur kurz wunderte er sich darüber.
Im anderen Wagen saß das Objekt schwer atmend mit schweißnassen Händen die sich um das Lenkrad krallten. “SCHEISSE! SCHEISSE! SCHEISSE!” schrie er und trommelte auf das Lenkrad, schlug seitlich auf den Beifahrersitz und gegen die Türverkleidung. Dabei stieß sein Ellenbogen gegen das Schulterholster. Das Schlagen hörte auf, die rechte Hand glitt zum Pistolengriff und umklammerte ihn. Sein Atem wurde schlagartig ruhiger, der Blick ging zum Rückspiegel, wo die Lichter des schmierigen Typen noch zu sehen waren, der fortfuhr. “Jetzt bist du dran!” sagte er mit kalten Zorn. Das Objekt spürte etwas völlig neues in sich: Adrenalin.
“Nicht mal eilig hat es der Penner.” dachte er und sein Blick wurde hart. Ohne Licht drehte er den Wagen und fuhr wieder Richtung Stadt. Der Wagen vor ihm fuhr in einem normalen Tempo, so dass er gut Abstand halten konnte. Hier, außerhalb der Ortschaften gab es nur selten Laternen und kaum Häuser, die ihn beleuchteten. Erst als einige Autos vor ihm und damit zwischen dem pickeligen Nasenmann und ihm selbst einbogen, schaltete er das Licht wieder ein. Immer wieder fasste er die Pistole an. Sein Blut rauschte im Kopf, das Herz hämmerte aber er fühlte sich gut.
Ordog sang laut und schräg “Wiiiiii aaarrr se schämpiäns off seee wöööörld!” Seine Laune war bestens, er, der Killer, hatte dem Objekt den entscheidenden Schlag versetzt. Er war ein Held, mutig, unerschrocken, ein Sieger eben, ganz klar.
Und Ordog hatte Hunger. Siegerhunger. Tatto schläft schon, dachte er. Egal! Die isst immer was mit. Danach fick ich sie und morgen früh lass ich mich von allen feiern. Geil!
Vom Handy aus orderte er eine Familienpizza zur Wohnung von Tattoo und schrieb ihr eine SMS, dass er gleich bei ihr sein würde. Die leichten Schlangenlinien störten höchstens die anderen Fahrer, ihn nicht, er war ein Krieger!
In seiner Heldenlaune bemerkte er nicht, dass ein Auto von den wenigen die noch unterwegs waren, konstant hinter ihm her fuhr.
Bei Tattoo angekommen, klingelte er sie hoch, gab ihr einen Kuss und erzählte begeistert von seiner Heldentat. Dass nur wenige Meter weiter noch ein Auto einparkte, war ihm nicht aufgefallen.
Unten vor der Tür hielt ein weiteres Auto.
Es klingelte. “Das wird die Pizza sein, Schatz. Machst du das kurz?”.
“Ja.” maulte Tattoo, die, wie Ordog auch, ständig klamm war.
Vor der Tür hatte das Objekt gesehen, welche Klingel sein Verfolger drückte und als der Pizzabote ebenso vor der Tür stand und klingeln wollte, sprach er diesen an.
“Pizza für äh … Meier? Bestens, was macht das?” fragte das Objekt den nur leicht erstaunten Pizzajungen. Selten holten die Leute ihre Pizza unten an der Tür ab. Aber endlich mal nicht zwei oder drei Stockwerke laufen war auch mal schön.
“Ich brauche auch deine Weste und dein Basecap. Sind 50€ ok?”
Der Junge dachte nur sehr kurz nach, zu gering war sein Stundenlohn. So wechselten Pizza, Mütze und Weste den Besitzer und jemand klingelte.
Die Tür summte, der neue Lieferant stapfte die Tür hoch. Eine Wohnungstür stand leicht offen. Eine junge, füllige Frau schaute dem Pizzamann hungrig an. Seufzend fragte sie: “Was kostet es heute?”
“13,50€, ist Rabatt heute.” kam eine ruhige Antwort unter der Mütze hervor. Der Pizzalieferant schaute runter auf den Karton, so dass sein Gesicht verdeckt war. Nur entfernt kam Tattoo das Kinn bekannt vor, aber die Gier nach dem Essen war stärker.
“Ah, dann habe ich zu wenig Geld dabei, Moment.” sagte sie und ging einige Schritt in die Wohnung, der Pizzamann folgte ihr in den Flur.
Es war sehr unordentlich. Überall lagen Klamotten und leere Flaschen herum, ein Werkzeugkasten stand offen in einer Ecke neben einem Stapel Getränkekisten, Mülltüten warteten darauf entsorgt zu werden. Es roch nach abgestandener Luft und Zigarettenqualm. Geld und Pizza wurden getauscht. “Sie finden allein raus?” fragte sie halb umgedreht zur Wohnstube. “Ja, danke.” kam die ruhige Antwort. Tattoo ging zurück zu Ordog, der am PC sitzend einen einen Heldenbericht tippte. Die Wohnungstür klappte laut zu.
“Dem habe ich es richtig gegeben, so richtig eins ausgewischt hab ich ihm. Goil!”
“Was hast du denn gemacht?” fragte sie, den Pizzakarton öffnend.
“Dem Objekt hab ich die ganze Nacht versaut und ihn aus der Stadt getrieben.” lachte er.
“Sogar verfolgt hab ich ihn.”
“Es.” korrigierte sie ihn.
“Ja, verfolgt hab ich das Objekt und von der Straße gedrängt. James Bond wär auch nich besser gewesen.” Er lachte erneut begeistert auf. “ES war richtig fertig. Wie der, es geguckt hat. Krass! Wie ein frisch geficktes Eichhörnchen.”
“Und was hat das Objekt dann gemacht?” fragte sie ihn mit freudig leuchtenden Augen.
“Es ist hinter ihm her gefahren und hat ihn bis in diese Wohung verfolgt.”
Die Stimme kam hinter ihnen aus dem Flur. Beide drehten sich zutiefst erschrocken um, den Mund offen. Sekundenlang sagte niemand ein Wort. Alle drei starrten sich an. Der eine ruhig, die anderen beiden erschrocken wie ein Kind, das beim Stehlen erwischt wurde.
“Scheiße, wer bist du?” fragte Ordog, der sich als erster gefasst hatte.
Ruhig blickte ihn der Mann mit der Pizzamütze an und antwortete ruhig:
“Ich bin das Objekt!”
Erschreckt aufatmend setzte sich Tattoo hin, ihre Knie hielten ihr Gewicht nicht mehr.
“Shit!” sagte Ordog und wollte aufspringen. Doch die plötzlich in der Hand liegende Pistole mahnte ihn, sich wieder entspannt zurück zu lehnen. Nochmals atmete Tattoo erschreckt ein. Mit großen Augen starrte sie ängstlich auf die Pistole.
Finster blickte das Objekt die beiden Menschen an. Sie hatten ihm aufgelauert und verfolgt. Sie hatten ihn um den Schlaf gebracht, nach gesetzt und auch noch Spaß daran gefunden, wie er gelitten hatte.
“Man, wie bist du hier reingekommen?” fragte Ordog, mit gehässigen Seitenblick auf Tattoo.
“Durch die Tür.” war die frostige Antwort hinter der Pistole.
Ruhig nahm das Objekt die Mütze ab, setzte sich auf einen Stuhl und sagte leise:
“Dann erzähl mal!”
“Was man?” raunzte Ordog stupide zurück.
“Was der ganze Scheiß soll.” fachte sein Gegenüber die Antwort zwischen den Zähnen hervor. “Und keine Märchen, ich bin nicht in Stimmung dafür.”
“Ich weiß nicht, was du meinst.” versuchte Ordog es noch, doch das war ein Fehler. Der Mann, den sie das Objekt nannten, sprang auf und brüllte:
“GOTT VERDAMMTE SCHEISSE! ICH WILL WISSEN WARUM IHR MIR DAS ANGETAN HABT!” Es atmete schwer und richtete die Pistole direkt auf das Gesicht von dem jungen Mann in den speckigen Klamotten. Immer noch laut Luft holende zischte es:
“Ich hab echt schlechte Laune und deine Hackfresse kenne ich genauso wie ihre. Ihr habt mir ständig aufgelauert und von der dicken Planschkuh hier habe ich sogar Bilder. Also erzählt mir keinen Müll!” Der Blick, den es Ordog zuwarf ließen ihn tiefer in den Sitz rutschen. Die Mündung der Pistole war nur wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt, Ordog konnte das Waffenöl riechen.
“Sag’s ihm.” hauchte Tattoo leise. “Sag’s ihm einfach.”
Der Seitenblick des Mannes mit der Pistole ließen sie sofort wieder verstummen. Der PC surrte leise vor sich hin.
Langsam und zögernd fing Ordog an zu erzählen. Von der Idee bis hin zur Umsetzung. Die zufällig Auswahl, das erste Beschatten dann der Beginn am Montag.
“Und was wolltet ihr damit erreichen?” fragte ihn dann das Objekt. “Wozu das alles? Nur zum Spaß?”
“J … joah.” kam die zögerliche Antwort.
Die Mündung der Pistole zielte genau in sein Gesicht und so gestand Ordog auch das Ziel der Attacken.
“Es gibt einen Rekord, es hat bei einer anderen Gruppe vier Wochen gedauert, das wollten wir besser machen.” lauernd starrte ihn Ordog an.
“Rekord? Was für ein Rekord?” fragte die Stimme hinter der Pistole. “Was ist das Ziel?”
“Ich … wir also …” stotterte der Schmierlappen unsicher auf dem Stuhl. Sekunden vergingen, niemand sagte etwas. Langsam dämmerte es ihm.
“Ihr wolltet mich in den Selbstmord treiben.” Das war keine Frage sondern eine Feststellung. “Ihr wolltet mich schneller in den Selbstmord treiben als diese andere … Gruppe.” er spuckte das letzte Wort fast aus. “Ja, viel hätte da wohl nicht gefehlt.”
“Wir hätten dich auch nie treffen sollen. Warum bist du überhaupt hier?” ereiferte sich Tattoo in einer plötzlichen Gefühlsregung. Doch der Blick, mit dem das Objekt sie bedachte, brachte sie augenblicklich zum Schweigen. Sie bereute schon, überhaupt etwas gesagt zu haben. Es war, als schaute jemand angewidert auf eine Fliege, die auf einen Haufen Kot sitzt.
“Wer macht da noch mit? Wer gehört zu euch?” Die Frage biss sich durch die angespannte Stille.
Sekunden wurden zu Minuten, so schien es, niemand sagte etwas.
“Ich habe euch etwas gefragt. Ich will wissen, wer da noch zu euch gehört. Wer ist der Boss?”
“Man ey, wir verpetzen die doch nicht. Wir sind doch nicht blöd, oder was?” wagte der schwitzende Bengel auf dem Stuhl vor ihm zu sagen.
Dann ging alles ganz schnell:
Das Objekt, welches all die langen Minuten ruhig da gestanden hatte, ohne sich zu bewegen, sprang plötzlich los, machte einen langen, schnellen Schritt auf ihn zu. Währenddessen wechselte die Pistole die Hand, die jetzt freie Rechte schlug und hämmerte dreimal hart mitten in das Gesicht während die Pistole tief den Kehlkopf eindrückte. Tattoo schrie erschreckt auf, wollte ihrem Lover zu Hilfe eilen, doch ein harter Fußtritt in ihren fetten Bauch brachte sie zum einknicken.
“SAG MIR WER DIE ANDEREN SIND!” schrie der Mann Ordog direkt ins Gesicht. “SAG ES MIR ODER ICH SCHLAG DICH TOT!”
Stöhnend, hilflos, voller Schmerzen starrte ihn der Junge an. Angst kroch in sein Gesicht, eine Scheißangst. Kurz blitzte der Gedanke auf, dass es wohl ein Fehler war, der Gruppe beizutreten und dass er wohl doch kein Killer war. Jetzt, wo das Objekt so vor ihm stand, alles wusste, es keinen Abstand mehr gab, keine Sicherheit, keine Straße, keine Entfernung, jetzt hatte er einfach nur Angst und wusste nicht, ob er das hier überleben würde. Tattoo wimmerte in ihrem Couchsessel, doch die war ihm egal. Er wollte nur raus hier.
“Ich sag’s dir. Ich sag dir alles, was du wissen willst. Sie heißt Tattoo und wohnt hier. Ich heiße T … Ordog und wohne auch hier.”
Bei der Nennung ihres Namens heulte Tattoo kurz auf. “Du wohnst hier? FUCK, du Schisser! Du wohnst nur hier, wenn du mich ficken willst.”
“Ruhe!” befahl das Objekt kalt und drückte die Pistole wieder in die Kehle des vor ihm sitzenden. “Wer noch? Da war ständig so eine Blonde und so ein Typ mit schwarzweißen Haaren.”
“Ja.” stöhnte Ordog auf. “Das sind Twink und Poolitzer. Poolitzer ist der Boss, er leitet alles. Twink kommt hier auch aus der Stadt und ist wohl seine Schnalle. Dann gibt es noch Schlagergott.”
“Was sind das für bescheuerte Namen? Ordog, Poolitzer, Twink, Tattoo, was soll der Scheiß?”
“Ham wir aus’m Roman.” schluchzte Tattoo hinter ihn.
“Na, lesen könnt ihr wenigstens. Menschen scheinen euch ja nicht zu interessieren.”
Zum Entsetzen der beiden schaute sich ihr ehemals so hilfloses Objekt in Ruhe den PC an. Der Mann las das Forum durch, notierte sich alles was er brauchte und schrieb aus Ordogs Handy die Telefonnummern ab. Dann drehte er sich langsam um. Dabei fiel sein Blick durch die offene Tür auf den Werkzeugkasten. Ihm kam eine Idee. Er schaute zu dem Werkzeug, dann zu seinen beiden Aggressoren. Langsam erhob er sich, ging zu dem Kasten und holte sich eine Kombizange heraus.
“Alter, was wird das denn jetzt? Willst du hier auch noch was kaputt machen? Du hast doch jetzt alles.” ereiferte sich Ordog.
“Nein, habe ich nicht. Ich habe noch keine Befriedigung.” kam kalt und ruhig die Antwort, die sie nicht hören wollten. Keiner von beiden ahnte, was er meinte.
“Ich werde euch etwas schenken.” sprach er dann mit tonloser Stimme aus.
“Et … etwas schenken? Was denn?” fragte Tattoo unsicher.
“Euer Leben.” war die Antwort worauf hin sich beide sichtlich entspannten, doch zu früh. “Und eine Erinnerung an mich.”
Die Pistole in der rechten, die Kombizange in der linken Hand machte er einen Satz auf Ordog zu, bohrte diesem, bevor der überhaupt etwas machen konnte, die Kombizange in die Nase. Als der so attackierte die Hände erheben wollte, wurde die Kombizange samt rechtem Nasenflügel wieder zurückgerissen.
Ordog schrie auf. Schmerz, wie er ihn nie vorher gekannt hatte, brannte in seinem Gesicht. Die Schläge vorher waren Streicheleinheiten gewesen in Gegensatz zu dem, was jetzt wie Feuer durch sein Gesicht flutete. Er schrie und wand sich auf dem Stuhl, rutschte runter und ging auf die Knie, brüllend vor Schmerz. Die Hände vor das Gesicht gepresst. Sein Peiniger trat ihm kräftig in die Rippen, so dass er zusammenbrach und vor sich hin weinte und stöhnte.
Ruhig schaute sich der Mann mit den beiden Waffen das Ergebnis seines Tuns an und drehte sich dann ganz langsam zu der dicken Frau um, die entsetzt auf ihren Kumpanen starrte.
Während sie noch den Schreck zu verkraften suchte, hob sie den Blick zu dem in der Mitte des Raumes stehenden Mann. Sekundenlang trafen sich ihre Blicke. Dann sagte sie furchtsam und ahnungsvoll: “Nein! NEIN! Das kannst du nicht machen! Das, das habe ich nicht verdient!”
Die Antwort war ein Blick, welchen sie nie vergessen würde. Und in ihrem Hinterkopf glaubte sie schon zu wissen, was gleich geschehen würde. Mit ihr. Angst lähmte sie. Machte sie weich und kraftlos. Ohne sich bewegen zu können, ja die Kraft zu haben, einen Schritt weg zu wagen, sah sie den Peiniger, der vor Stunden noch ihr Objekt, ja ihr Opfer war, langsam auf sich zu bewegen. Ebenso wie bei ihrem Ex-Freund verschwand die Kombizange in ihrer Nase, kurz spürte sie noch das Kneifen auf ihrem Nasenflügel, dann gab es einen Ruck und ein hässliches reißendes Geräusch und die Hand mit der Kombizange war wieder aus Ihrem Sichtfeld verschwunden. Der Schmerz kam schnell und hart. Tattoo schrie auf, kaum dass sie den Ruck spürte. Ihr Gesicht brannte, Tränen schossen in ihre Augen, sie schrie, stöhnte und heulte, hielt sich die Nase und wand sich vor Schmerz. Blut quoll durch ihre Finger, tropfte auf den Teppich, auf Ihre Kleidung.
Ordog wand sich schon in einer kleinen Lache, die Hände blutverschmiert. Beide bekamen nicht mehr mit, wie ihr Objekt die Fleischstückchen aufsammelte und das Klo runterspülte.
„Esst ihr die Pizza noch? Sie duftet so lecker.“ Fragte ihr ehemaliges Objekt freundlich. „Nein? Na, dann nehm ich sie halt.“ Zusammen mit der Pizza und der Kombizange verschwand ihr Peiniger ohne ein Wort zu sagen.
Die Pizza war noch warm und eine gute Wahl. Die Kombizange hatte er beim Rausgehen an einer Jacke abgewischt. Dass er den PC noch deaktiviert hatte und das Handy von dem Schmierlappen mitnahm, war den beiden Verletzten entgangen. Die waren ja auch mit sich beschäftigt. Diese Egoisten. Nicht mal Tschüss haben sie gesagt. Sei’s drum. Heute würden die wohl eh nicht mehr viel telefonieren und surfen. Zuviel Internet ist ja auch gar nicht gut für so junge Leute. Er schaute sich die Liste derer an, die noch übrig waren. Schlagergott, bescheuerte Name. Twink und Poolitzer. Glaubt der, der bekommt den Preis wirklich? Na, dann auf zum Musikantenstadl. Beim Fahren aß er die Pizza und schaute immer wieder auf einen Stadtplan, damit er sich nicht verfuhr. Was mache ich mit dem? fragte er sich. Na, erst mal hin.
Ohne Zwischenfälle erreichte er sein erstes Ziel, die Pizza hatte nur er halb aufgegessen. Den Rest wollte er sich für die zweite Tour aufheben.
Vor dem Haus stieg er aus und überlegte, was er nun machen sollte. Klingeln würde ja kaum helfen. Ihm kam eine Idee. Die Idee, so blöd wie einfach, setzte er gleich um. Mit dem Handy von dem bleichen Typen mit den langen Haaren rief er den Typen namens Schlagergott an. Es dauerte lange, bis jemand ran ging.
“Ordog, Alter, was ist los? Weissu wie spät das iss?” ertönte eine müde Stimme aus dem Handy.
“Ja, Mann, iss was passiert, lass mich ma rein, iss dringend, ich steh vor der Tür.”
“Fuck! Spinnnst du? Um diese Uhrzeit? Bist du erkältet, oder was’s mit deiner Stimme?”
“Äh, ja, auch. Alder, lass mich nich hängn. Ich brauch Hilfe!”
“Ja, schon gut. Ich lass dich gleich rein. Wart ‘n Moment. Muss mir erst was anziehen.”
“Dange, mann!” Klick.
Knapp eine Minute dauerte es, da surrte die Tür. Er drückte sie auf und stieg die Treppen hoch. Weiter oben hörte er eine Tür klappen. Die Wohnungstür stand offen und ein sehr junger Mann in einer viel zu weiten Hose, Basecap mit geradem Schirm, man sah das bescheuert aus, und billigen Goldkettchen umgehängt stand im Türrahmen. Müde schaute er die Treppe runter. Erstaunt schaute auf die Person, die gar nicht Ordog war. Er musste sichtlich nachdenken bis die Erkenntnis sich in sein Gesicht brannte. Mit weit aufgerissenen Augen wollte Schlagergott in seine Wohnung hechten und die Tür zuwerfen, doch schnelle Schritte und ein Fuß in der Tür verhinderten dies. Die dann in seinem Blickfeld auftauchende Pistole ließen seinen Widerstand im Keim ersticken. Schlagergott hob die Hände und ging von der Tür weg.
“Brav.” sagte die Person, die er als das Objekt erkannte.
“Hallo.”
Schlagergott traute sich nicht zu antworten.
“Freut mich dich kennen zu lernen.” sprach der Mann vor ihm, es klang aber nicht erfreut. „Du bist Schlagergott, richtig? Ich bin das Objekt.” Worte, kalt wie Eis, dazu ein Blick der ihm mehr Angst einjagte als die vorgehaltene Pistole.
“Scheiße! Was willst du?” traute sich Schlagergott nun doch zu fragen.
“Ich möchte dir etwas schenken.”
“Was schenken? Hast du ‘nen Knall?” Schlagergott war sichtlich nervös und völlig durcheinander. Wild überlegte er, was er tun könnte. Ihm fiel nichts ein.
“Doch zunächst einmal gestatte mir eine Frage: Warum nennst du dich Schlagergott und siehst aus wie ein Hip-Hop-Spinner?” Der bezeichnete missverstand den Plauderton und wagte einen Vorstoß:
“Alter, das geht dich gar nichts an. Verpiss dich einfach wieder, ich weiß auch gar nicht, was du hier willst, man!”
Die Antwort kam sofort und überraschend direkt mit der Faust ins Gesicht, knapp unterhalb von Stirn und Mützenschirm. Es knackte ein wenig. Schlagergott schrie kurz auf und hielt sich dann die Nase.
“Man, spinnst du? Ich hab dir doch nichts getan, kaum jedenfalls, und du spazierst hier in meine Wohnung und brichst mir die Nase.”
“Junge, du wärest froh, wenn es dabei bliebe.” gab es die Antwort, die der Mützenträge nicht hören wollte.
Die Pistole wies ihn in die Wohnung. Rückwärts ging er in sein Zimmer. Wo sind die Freunde, wenn man sie mal braucht?
Mit dem Rücken zum Tisch stand Schlagergott direkt an der Kante. Da er nicht wusste, was er tun sollte, fingerte er nervös mit seinen Händen an den Bändern seines Kapuzenpullovers herum.
“Und jetzt?” fragte er unsicher.
“Das willst du nicht wissen. Aber du hast meine Fragen noch nicht beantwortet.”
“W w welche Fragen?” stammelte der sonst so coole Poser. “Ah ach so … ja, naja … den Namen habe ich aus einem Roman, den ich ganz cool fand. So hab ich auch Ordog kennen gelernt.”
Ein kurzes Heben der Augenbraue seines Gegenübers irritierte ihn, er erzählte aber schnell weiter. Vielleicht beruhigte es ihn ja.
“Und und weil ich selber hin und wieder Schlager höre, fand ich das ganz cool.”
“Schon klar. Und dann überlegt ihr euch, wenn wir schon gemeinsam Bücher lesen und Tee trinken, beschatten wir auch fremde Menschen und ängstigen sie zu Tode, nur so zum Spaß, ja?” der Tonfall der Frage war fast, aber auch nur fast ein ironischer Plauderton. Ein fieser Unterton beunruhigte Schlagergott zutiefst.
“Na naja … wir fanden dass alle eine lustige Idee.” meinte er schwach.
“Eine lustige Idee, sieh mal einer an. Macht ja nix, wenn sich dann das belustigte Objekt vor lauter Angst umbringt. Hauptsache der Rekord stimmt, gell?” das letzte Wort hatte eine Bedrohliche Stimmlage bekommen, die Ironie in der Stimme war bitterem Spott gewichen. Schlagergott bekam es mit der Angst.
“Ww ww was meinst du, mit, umbringen? W w wir hatten das nicht geplant.”
“Bemüh dich nicht, ich weiß alles. Poolitzer und Twink besuche ich auch noch.” Bei der Nennung der beiden Namen schaute der Junge mit den zu weiten Klamotten ihn mit großen Augen an.
“Woher?” fing er an.
“Woher ich das weiß? Och, weißt du, Ordog, so nennt er sich doch, ja? Der hat mir allerhand erzählt. War recht gesprächig, nachdem ich ihn davon überzeugt habe, etwas … offener zu sein.”
Beißender Spott unterstrich die letzten Worte, der Mund war zu einem Lächeln verzerrt, nur die Augen lächelten nicht mit und starrten ihn kalt an. Schlagergott schwitzte und ihm wurde kalt.
“Und und was willst du jetzt von mir?” fragte er schwach.
“Wie schon gesagt: Ich möchte dir etwas schenken.” war die Antwort.
“Und was?”
“Erstens: Dein Leben.” Das Objekt stand vor ihm und blickte ihm direkt in die Augen. Der junge Hip-Hopper war nicht sicher, ob das erste Geschenk wirklich so gut gemeint war, wie es klang.
“Und” er schluckte, “Und zweitens?” wagte er dennoch die Frage.
“Eine Erinnerung an mich.” und zu den Worten glitt die freie Linke Hand in die Hosentasche, kam fast sofort wieder heraus mit einer, ja wirklich, einer Kombizange in darin. Irritiert sah ihn der Junge an, konnte nicht glauben was er sah und dachte.
“Was wird das denn?” fragte er unsicher.
“Das willst du nicht wissen aber gleich merken.” war die einfache Antwort die von einem Lächeln begleitet wurde, das Wasser hätte gefrieren lassen.
“Setz dich!” Der Befehl war eindeutig.
Schlagergott wollte das nicht tun, wollte sich wehren, Widerstand leisten. Er machte einen Schritt auf den Mann mit der Kombizange zu, doch der hatte das wohl geahnt. Die Waffe in der rechten hob sich sofort, daher achtete er nicht auf die linke, die hart mit der Zange in sein Gesicht schlug.
“ARGH!” fluchte er und fiel fast von allein in den Stuhl zurück.
Was jetzt folgte, würde er nie vergessen. Wie in Zeitlupe sah er die Zange auf sein Gesicht zukommen, wie sie sich brutal in sein rechtes Nasenloch bohrte. Überrascht wollte er die Hände zur Abwehr heben, doch die Pistole grub sich in seinen Schritt. Schnell brannte das zufassen der Zange in seiner Nase, es gab einen harten Ruck der von einem grässlichen Reißen begleitet wurde, dann feuerte der Schmerz in sein Gesicht, ihm wurde schwarz vor Augen und rutschte vom Stuhl. Seine Hände presste er vor das Gesicht, auf die Stelle, wo die Nase mal war. Warme Flüssigkeit bedeckte die Finger.
“Na, das war ja ein schönes Stück.” hörte er durch einen Nebel aus Schmerzen und Brennen.
“DU ARSCHLOCH!” brüllte Schlagergott, hörte seine eigene Stimme kaum. Blut floss in den Mund, benetzte Zunge und Zähne.
“Das Stück werde ich gleich mal entsorgen. Nicht, dass noch jemand auf falsche Gedanken kommt und das wieder annähen will.” lächelnd wurden diese Worte ins Gehör des Jungen gespült, dieser jedoch war kaum in der Lage sie zu verstehen. Nur entfernt hörte er die Klospülung laufen. Schluchzend, weinend und sich vor Schmerz windend lag er am Boden, dieser war mit Blut befleckt.
“Bemüh dich nicht, ich finde allein raus.” Begleitet von einem freundlichen Winken verschwand sein Peiniger aus der Wohnung. Schlagergott brach endgültig zusammen, unfähig auch nur irgendetwas zu tun.
Früh am Morgen des gleichen Tages summte das Handy von Twink. Zu früh für einen Sonntag, zu früh um wach zu werden. Doch das Handy summte immer weiter vor sich hin. Schließlich schaute sie, wer anrief.
“Oh nein, Ordog, dieser Spinner. Es ist einfach zu früh, um mit dem zu reden.” seufzte sie und drückte den Anrufer weg. Neben ihr lag ein gut aussehender junger Mann, den sie gestern beim Mädelsabend kennen gelernt hatte. Sie kuschelte sich an ihn und freute sich auf die kommenden Stunden mit ihm, bis sie ihn wieder vor die Tür setzen würde. Vielleicht schrieb sie sich seine Handynummer auf.
Erneut summte das Handy. Nicht schon wieder. Anrufer unbekannt zeigte das Diyplay an. Nun ging sie ran. “Ordog, du Spinner, ich weiß doch, dass du das bist. Was soll der Scheiß. Es ist Sonntag und viel zu früh!” schimpfte sie gleich los.
Stille am anderen Ende. “Ordog?”.
“Nein!”
“Und wer stört mich da?”
“Ich bin das Objekt.” kam die Antwort ruhig und gelassen.
“Ich bin auf dem Weg zu dir und freue mich darauf, dich kennen zu lernen.”
Entsetzt schaute Twink auf das Handy.
“Das ist ein Scherz, oder?”
“Nein, ist es nicht. Du warst die dritte im Bunde, die mir aufgelauert hat mit dieser bescheuerten Nasengeste. Nun komme ich vorbei, um dir etwas zu schenken.” Der Dauerton deutete das Ende des Gespräches an.
“Scheiße!” sagte sie laut. Ihre Gedanken rasten wild durch den Kopf. Was tun? Weg! Das Objekt schien zu wissen, wo sie wohnte. Also weg. Hastig stand sie auf und zog sich an. Nebenbei weckte sie den, zugegeben, attraktiven Körper mit der tollen Ausstattung und brauchbarem Durchhaltevermögen und packte hastig Sachen in eine Tasche. Ungefähr alles zugleich. Der Typ maulte vor sich hin, sie schrie ihn nur an und warf ihm seine Sachen vor die Füße. Ein eiliger Blick aus dem Fenster verriet ihr nichts. Nur dem unten stehenden Objekt eine Menge. Sie zerrte den Typen aus dem Bett und scheuchte ihn aus der Wohnung. Danach atmete sie noch einmal durch, packte einige letzte Sachen ein und rannte auch das Treppenhaus hinunter.
Er sah erst kurz das Gesicht der hübschen Blonden hinter einem Fenster auftauchen und sofort wieder verschwinden, dann folgte einige Minuten später ein junger, gut aussehender Mann, der müde und verwirrt das Haus verließ.
“Sieh mal einer an, das ist aber nicht ihr Preisträger.” murmelte er vor sich hin. Der Typ verschwand mit seinem Auto.
Etwa zwei Minuten verstrichen und die blonde Frau hastete aus der Tür, eine Tasche über dem Arm und den Autoschlüssel in der Hand. Sie schaute sich sichtlich nervös um und eilte Richtung Parkplatz. Zwischen den Müllcontainerboxen stolperte sie und verlor ihren Autoschlüssel. Der leise Fluch verriet ihre Nervosität.
“Hallo, guten Morgen Twink!” sprach sie eine ruhige, männliche Stimme an. Sie erstarrte mitten in der Bewegung.
Vögel zwitscherten einen Morgengruß.
Sie drehte sich langsam zu dem Sprecher um. Lächelnd stand ein Mann knapp über dreißig vor ihr, den sie als “Das Objekt” kannte und immer mal wieder aufgelauert hatte. Sie konnte sich an jede Begegnung erinnern. Er auch.
“Ich bin das Objekt.” sagte er und sie nickte.
“Ich weiß, ich kenne Sie.” antwortete sie schwach.
“Nein, das tust du nicht.” sein Blick war fest auf sie gerichtet, er blinzelte kaum. Das machte ihr Angst.
“Ich möchte dir etwas schenken.”
“Was wollen Sie mir schenken?”
“Erstens: Dein Leben. Zweitens: Eine Erinerung an mich.” sprach er völlig entspannt zu ihr.
“Ich habe mein Leben noch.” meinte sie unsicher.
“Noch, ja. Das stimmt.” sagte er. “Das wird wohl auch so bleiben. Aber anders, als bisher.”
Seine rechte Hand glitte aus der Hosentasche und griff unter die leichte Jacke. Hervor holte sie eine schwarze Pistole.
“Wollen Sie mich erschießen, hier? Auf der offenen Straße?” fragte sie hastig und sich umblickend.
“So offen ist es hier gar nicht und so früh am Morgen ist hier nichts los. Blöd, wenn man am Ende einer Sackgasse wohnt, was?”
“Ich, wir, wir können ja nochmal reden. Also, ich meine, ich kann Ihnen erklären, was die Scherze sollten, die wir gemacht haben.”
“Scherze?”
“Ja, naja, das mit der Nase und so.”
“Und? Was sollte das?” er klang nicht wirklich interessiert.
“Wir wollten eine reale Studie machen. Wir sind alles Studenten, ja Studenten der Psychologie. Und wir wollten das als Lifeprojekt durchführen, an einem Versuchsobj … Probanden, der erst mal nichts weiß, wenn er beschattet wird. Ja, so war das. Es sollte bald aufgeklärt werden. Also, dass Sie wissen, was los war.”
“Weiß ich.” sagte er kühl.
“Wissen Sie? Was wissen Sie?” fragte sie schnell.
“Das ihr einen Rekord aufstellen wolltet. Das ihr mich in den Selbstmord treiben wolltet. Das weiß ich.” Ist sie so blöd?
Der Typ ist eiskalt, dachte sie. Kein Wunder, nachdem, was wir abgezogen haben. Und was jetzt? Hastig wägte sie ihre Möglichkeiten ab. Sex! Männer wollen immer Sex.
“Wenn Sie wollen, schlafe ich mit Ihnen, sozusagen als Entschuldigung und Widergutmachung. Hey, Sie gefallen mir, das wär doch was?” schlug sie jovial mit zitternder Stimme vor.
Er hob kurz die Augenbraue, legte den Kopf schief und schaute Sie prüfend an. Meint die das ernst? Krass, sie muss ganz schön Angst haben. Sehr gut. Soll sie denken, ich geh drauf ein, dann haben wir es schneller hinter uns.
“Interessant.” sagte er und machte einen Schritt auf sie zu. Schief lächelte sie ihn an und zog ihren Reissverschluß der Jacke langsam runter. Plötzlich machte er einen Satz nach vorn, riss die Pistole hoch, drückte ihr den Lauf an die Kehle und zog mit der linken die Kombizange aus der Tasche. Ehe sie überhaupt begriff, was geschah, bohrte sich das grobe Werkzeug in ihre hübsche kleine Nase und kniff zu. Er fing gerade an zu reißen, da drehte sie den Kopf zur Seite. Das reißende Geräusch dauerte dieses Mal länger.
Sie spürte noch kalten Stahl an der Kehle und ebenso in ihre Nase dringen, roch dreckiges Werkzeugöl und spürte ein Kneifen auf ihrem rechten Nasenflügel. Instinktiv wollte sie sich ducken, da hatte sie das Gefühl, ihr Gesicht explodiere, würde mit Säure übergossen. Ein Brennen schoss ihr in die Augen dass ihr Hören und Sehen verging, Tränen füllten die geschlossenen Lieder. Schmerz! Einfach nur Schmerz! Alles brannte, ihr rechtes Auge war erfüllt von tausenden heißen Nadeln die bis zum Knochen in ihr Fleisch gejagt wurden.
Ach du Schreck. Was war das? AH, die Kleine hat sich bewegt, zu dumm. Bis fast zum Auge alles aufgerissen. Schade um das hübsche Gesicht.
Er lies die Frau einfach fallen, ging langsam von ihr weg und scherte sich nicht um das Geweine. Kurz schaute er sich um, ob jemand zugeschaut hätte. Na, von hier wegziehen müsste er wohl eh. Egal. Den kleinen Fleischrest an der Kombizange warf er in einen der runden Kanalisationsschächte. Frühstück für die Ratten.
Beim Auto angekommen, steckte Zange und Pistole weg und schaute nach der nächsten, nein, nach der letzten Adresse. Es war nicht weit, so fuhr er gleich los. Wird auch Zeit für Frühstück.
Wenige Kilometer weiter schlief ein junger Student mit schwarzen Haaren, die weiße Streifen hatten unruhig in seinem Bett. Er hatte einen Alptraum. In diesem Traum wurde er verfolgt von Leuten mit riesigen Nasen die ihn immer wieder anstupsten. Es tat weh. Kurz darauf wachte er auf und dachte kurz darüber nach, ob sie das Projekt abbrechen sollten. Nein, bisher hatte es zu viel Spaß gemacht und er wollte unbedingt den Rekord brechen.
Sein Handy virbrierte. Man, so früh. Noch nicht mal acht.
Das Handy zeigte einen unbekannten Anrufer an. Genervt ging er ran.
“Hallo?” Keine Antwort.
“Hallo!” Nichts.
“Fuck!” Poolitzer legte auf.
Erst mal einen Kaffe. Der Duft füllte die kleine, unaufgeräumte Küche aus, weckte seine Lebensgeister. Twink vermisst mich bestimmt schon. Ich sollte sie nachher gleich anrufen. Brötchen wären nicht schlecht. Nur habe ich nicht mal Brot im Haus. Mist! Muss ich noch mal raus.
So trabte er, nach dem er sich angezogen hatte, los um an der nächsten Tanke Brötchen für den ganzen Tag und etwas Wurst zu kaufen. So viel Geld hatte er grad noch, viel mehr würde heute nicht drin sein. Auf dem Rückweg entschloß er sich, den Park zu nutzen. Morgens war es dort schön ruhig, die Vögel zwitscherten und wenn die aufgehende Sonne durch die Bäume schien, weckte das seine Lebensgeister und seine Laune. Dem Studenten kamen dann, in dieser ruhigen Phase, sicher auch wieder nette Ideen, wie er dem Objekt zu Leibe rücken konnte. Da liesse sich bestimmt noch was machen. Der Streßlevel musste einfach erhöht werden, der Druck, den sie machten, war bestimmt noch nicht hoch genug. Ordog war allerdings ein ungewisser Faktor, er konnte durch seine spontanen Auswüchse alles kaputt machen, er würde ihn absägen. Und, ja, das wäre sicher lustig, er würde Ordog als nächstes Objekt auswählen, mit einer neuen Mannschaft.
An einem kleinen, flachen Teich angekommen, fütterte er einige Enten und aß selbst ein Brötchen. Auf einer Bank sitzend malte er sich schon das Porjekt Ordog aus. Ha! Das wäre ein Spaß.
“Guten Morgen!” sagte eine Stimme neben ihm, riß ihn aus den Gedanken. Der Schreck schlug ihm auf den Magen. Jemand setzte sich zu ihm auf die Bank. Die noch tiefstehende Sonne im Rücken blendete den Studenten zunächst, doch dann erkannte er, wer da neben ihm saß.
“DU?” enfuhr es ihm.
“Ja, ich. Ich bin das Objekt!” antwortete sein Banknachbar mit einer Stimme, die selbst die Enten unruhig werden ließ. Entfernt bellte ein Hund. Die Vögel zwitscherten und die Enten schwammen quakend davon, es gab ja nichts mehr.
“Du bist Poolitzer, richtig?” Das schwache Nicken und der Gesichtsausdruck waren Antwort genug.
“Wie? Was?” mehr bekam Poolitzer nicht heraus.
“Wie ich dich gefunden habe? Was ich hier mache?” fragte sein Gegenüber. Die schwarzweiße Frisur nickte leicht.
“Ganz einfach: Mit Hilfe deiner Kollegen, die waren so freundlich, mir deine Adresse zu geben. Ordog” er betonte den Namen deutlich, “habe ich samt Freundin beim Essen überrascht. Und Twink,” auch diesen Namen betonte er stark, “muss ich wohl bei einem Schäferstündchen gestört haben. Sei’s drum.”
Das Handy von Poolitzer begann zu vibrieren.
“Geh ruhig ran. Es werden deine Leute sein” sagte das Objekt lächelnd zu ihm.
Poolitzer nahm zögernd das Gespräch an, sofort ertönte eine laute, weibliche Stimme die hörbar am Weinen und Schluchzen war. Twink beklagte sich, was passiert sei, was er ihr angetan hatte und dass alles Poolitzers Schuld sei. Mit den Worten “Er ist hier.” legte er auf.
“Sagt ihr nicht immer ES?” fragte der Mann auf der Parkbank ruhig aber mit lauerndem Unterton. Der Student nickte ein wenig.
“Ich habe mich wirklich darauf gefreut dich kennen zu lernen.” nickte der Mann, den er bisher nur das Objekt nannte, fröhlich lächelnd. Das machte Poolitzer Angst. Er überlegte die Chancen einer Flucht. Doch wollte er auch erst mal wissen, was das Objekt nun wollte. Vielleicht konnte er für die nächsten Projekte etwas lernen. So versuchte er es auf die freundliche Tour.
“Ja, sehr spannend, dich hier zu sehen. So … unerwartet.” sagte er schwach. Er hielt im die Hand hin wie zur Begrüßung, ein Fehler, wie er sich später erinnern würde.
Das Objekt ergriff die Hand wie einen Schraubstock, nahm die zweite Hand dazu und verdrehte den ganzen Arm, so dass er sich freiwillig wegdrehen musste und auf dem Boden landete, unweit vom Teichrand. Upps!
Lang ausgestreckt, das Gesicht unsanft in den Sand gedrückt, die Knie des Mannes auf dem Rücken, konnte er sich nicht mehr bewegen. Sein Arm schmerzte ob der Verdrehung, seine Wirbelsäule protestierte und in dem linken Auge hatte er Sand reinbekommen, ein Stein pieckte genau unterhalb des Auges tief in seine Haut. Er stöhnte auf. Sein rechtes Auge kniff er auch zu, bis er ein Tippen an der Schulter merkte. Direkt neben seinem Ohr hörte er die Stimme seines Peinigers, der bis vor kurzem noch das Opfer war. Scheiße!
“Ich werde dir etwas schenken.” raunte es neben seinem Ohr.
“Aha.” stöhnte der junge Student schwach. “Und wasch?”
“Dein Leben und eine Erinnerung an mich.” war die Antwort. “Deine Freundin hat mir ihren Körper angeboten. Das kannst du wohl kaum, was?” Ein fieses Lachen ertönte über dem am Boden liegenden. Dessen Gedanken rasten zwischen seinem Peiniger und seiner Freundin hin und her.
“Weißt du, was das ist?” wurde er gefragt. Er öffnete ein Auge.
“Eine Kombischange.” nuschelte er schwach.
“RICHTIG! Der Kandidat erhält hundert Punkte und darf sich etwas wünschen.” ertönte es höhnisch über ihm.
“Verschwinde!”
“Abgelehnt!” gab es in einem Singsang zurück. “Weißt du, was da an der Kombizange ist?”
Poolitzer schaute genauer hin, soweit er das konnte und sah die silberne Fläche mit etwas braunrotem bedeckt.
“Blud?” vermutete er.
“Wieder richtig!” konnte er hören. “Du erhältst jetzt deinen Preis. Die Erinnerung an, Trommelwirbel bitte, MICH!”
Kaum waren die Worte verklungen, fühlte er seinen Kopf nach oben gerissen, die Kombizange wurde in sein rechtes Nasenloch gebohrt und kniff ihm schmerzhaft in den Nasenflügel.
“Was wird das, du Penner? Wir haben dir doch nur einen Streich gespielt.”
“Ach ja?” ertönte es nicht mehr fröhlich neben seinem Ohr. “Und was ist mit deinem Rekordversuch?” lauernd war die Stimme bis tief in seinen Kopf gedrungen. Entsetzt weiteten sich Poolitzers Augen.
“Das weißt du? Scheiße, das war doch gar nicht ernst gemeint.” versuchte er sich rauszureden. Doch überzeugend klang es nicht.
“Ach ja, statt in vier wolltet ihr es in einer Woche schaffen, mich zum Selbstmord zu treiben. Mein Dank ist dir sicher. Ich leben nämlich sehr gern!”
Das nächste was, der Gequälte spürte, war ein heftiges ziehen an seinem Nasenflügel. Etwas riß und zog daran, dass es brannte. Poolitzer schrie.
“Man, du hast die stabilste Nasen von allen.” hörte er fluchend die Stimme über sich.
Dann gab die Haut nach, ein reißendes Geräusch war zu hören, Schmerz schlug wie ein Hammer in sein Gesicht und er konnte nur noch schreien. Es störte ihn nicht einmal, dass sein Gesicht wieder in den Sand gedrückt wurde. Dass das Gewicht von ihm wich, merkte er kaum, seine schmerzende Arme nahm er zögernd nach vorn um seine Nase zu bedecken. Unfähig etwas anderes zu tun als den Schmerz zu ertragen, lag er am Boden gekrümmt und wand sich. Das Stöhnen und schreien hatte alle Enten vertrieben und die Vögel verstummen lassen.
“Die Brötchen duften herrlich. Die isst du wohl nicht mehr, nein?” als keine Antwort kam, nahm das ehemalige Objekt die Tüte an sich, stand auf und ging langsam davon.
“Sei froh, dass du lebst. Und komm nicht auf dumme Gedanken. ICH weiß auch wo DU wohnst.” sagte der Mann noch zum Abschied.
Lange lag Poolitzer vor dem Teich und weinte vor sich hin. Den Rekord konnte er wohl vergessen. Allein für diesen Gedanken wollte er sich schlagen, aber es tat alles so weh.
Ein Mann mit einer blutigen Kombizange in der einen und einer Brötchentüte in der anderen Hand verließ entspannt lächelnd den Park. Vor einem Gullideckel blieb er stehen und kratzte etwas von der Zange ab. Er lauschte kurz auf das leise Platschen und ging dann weiter. Die Kombizange warf er in einen Mülleimer. “Leerung jeden Montag” stand darauf. Praktisch.
Der Mann ging zu einem Auto und stieg ein. Kurz darauf sah man, wie das Auto davon fuhr. Der Fahrer fuhr nach Hause. In seiner Wohnung duschte er eine geschlagene halbe Stunde lange, rief dann bei seiner Kollegin an. Er habe Hunger und Lust auf ein Frühstück, aber nicht allein. Ob sie sich nicht treffen wollten? Er würde Brötchen mitbringen. Sie freute sich.
An diesem Tag wunderten sich mehrere Notärzte, dass sie von jungen Leuten aufgesucht wurden, die sich den kompletten rechten Nasenflügel beim Sport, beim Handwerken, beim Treppe runterstürzen und beim Hausputz weggerissen hatten. Da es verschiedene Ärzte waren, fiel niemandem die ungewöhnliche Häufung auf.
Die Gruppe traf sich nie wieder, nahm nie wieder Kontakt zu einander auf. Nur Ordog wollte immer mal wieder für eine Nacht zu Tattoo, doch die war bald umgezogen und ihre Telefonnummer gelöscht.

© ist und bleibt beim Autor dieser Zeilen. Nachdruck, Verbreitung, Kopie und Veröffentlichung nur auf Nachfrage.
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