Mittwoch, 23. September 2015

Wunschreisen

Meine Fähigkeit erlebte ich zum ersten Mal, als ich mitten in der Pubertät war. Diese Zeit war für mich eher anstrengend, weil ich ständig das Gefühl hatte, dass mein Körper sich komplett im Umbau befand. Was umgebaut wurde, konnte ich nicht sagen, nur das.
So litt ich vor mich hin, träumte oft von Wärme und Sonne und der Liebe eines hübschen Mädchens.
 
Bei einem dieser Tagträume blätterte ich gelangweilt in einer Zeitschrift. Bei dem Bericht über eine einsame, griechische Insel blieb ich hängen und stellte mir vor, wie es wäre, wäre ich dort. In diesem Tagtraum versunken verlor ich mich regelrecht. Anders kann ich es nicht beschreiben.
 
Intensiv starrte ich auf das Bild, malte mir aus, wie schön es wäre, die Sonne auf meiner von Akne gezeichneten Haut zu spüren, nachdem ich im Salzwasser gebadet hatte. Ich hatte gehört, das hilft gegen Akne. Immer weiter sponn ich diesen Gedanken, träumte und verlor mich.
 
Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich eine Art Ziehen spürte. Dann blickte ich mich um und saß am Strand.
Weißer Strandsand vor, steile Felsen hinter und dunkles Wasser neben mir. Leise rauschten die Wellen an den Strand. Erste Sterne hingen am Himmel.
 
Sie können sich mein Erstaunen vorstellen. Und meine Überraschung. Und dann kam die Panikattacke, die ich nicht vergessen werden. Ich schrie, als hätte jemand ein Messer in meinen Bauch gerammt. So ungefähr fühlte es sich für mich auch an. Nur, dass dieser Jemand noch mit Stacheldraht meinen Hals zuschnürte.
Irgendwann lag ich schweißgebadet im Sand, atmete schwer in den Sand, den ich aus meinem Mund spucken musste, erbrach mich, was mein Gesicht sofort warm umspülte und die Kotze in meine Nase und Augen trieb.
 
Schwer erhob ich mich, meine Arme und Beine schienen nicht mir zu gehören, waren wie Gummi.
Ich schleppte mich zum Wasser, wusch mich und war versucht meinen Mund mit dem Meerwasser auszuspülen. Diesem Wunsche konnte ich gerade noch widerstehen.
 
Kneifen, wie es vielfach in den Romanen gemacht wird, brauchte ich mich nicht. Ich hatte mir den Kopf ein einem Stein gestoßen, die Beule zeugte von der Echtheit meiner Anwesenheit. Der Kotzesee und meine nassen Klamotten auch.
 
Noch völlig durcheinander, versuchte ich mich zu orientieren und zu verstehen, was passiert ist.
Je mehr ich mich umschaute, desto mehr erkannte ich Sachen von dem Bild, das ich mir so intensiv anschaute. Also hatte ich mich hierher geträumt. Wäre mir nicht so elend zumute, wäre das ja fast lustig gewesen. Und ich war wohl auf der griechischen Insel.
"Wie komme ich hier wieder weg?"
 
Da ich mich hierher geträumt hatte, konnte ich mich vielleicht wieder zurückträumen.
 
Der Gedanke war gut, nur war ich so nervös, dass ich keinen klaren Gedanken fassen konnte. So ging ich schwimmen. Noch heute lache ich bei dem Gedanken, dass ich, zum ersten Mal gesprungen, nicht zurück konnte und schwimmen ging.
Aber es half. Das relativ kühle Wasser brachte mich auf andere Gedanken, lenkte mich ab und erfrischte mich.
Hey, ich war in Griechenland. Das musste ich doch nutzen.
Nach dem Bad setzte ich mich, nackt wie ich war, an den Strand, schloss die Augen und dachte an mein Zimmer zu Hause. Ich stellte mir mein Bücherregal vor, meinen Schreibtisch, den Stuhl davor, mein Bett. Besonders mein Bett malte ich mir besonders intensiv aus, kuschlig und warm und weich.
 
Es klappte nicht sofort. Es brauchte einige Übungen, so ganz ohne Bild, bis ich das Ziehen spürte und mich auf mein Bett wieder fand. Herrlich. Ok, ich war nackt, das war blöd. Meine Klamotten lagen in Griechenland. Das Teufelchen gewann. Nach einem kurzen Schluck aus der Wasserflasche schnappte ich mir das Photo und dachte mich zurück an den Strand.
 
Dieses Mal ging es etwas schneller. Nur wenige Minuten schaute ich auf das schöne Bild von der griechischen Küste und verspürte das Ziehen. Etwas entfernt von meinen Klamotten fand ich mich wieder. Einige Meter daneben war noch der Kotzesee. Schnell sammelte ich die Sachen ein, setzte mich hin und dachte an mein Bett.

Ein zufälliger Zuschauer hätte gesehen, wie aus dem Nichts ein nackter junger Mann auf dem Strand erscheint, schnell die herumliegenden Sachen einsammelt, sich mit den nackten Hintern
im Schneidersitzauf den Strand setzt, kurz die Augen schließt und wieder verschwindet.
Wieder zu Hause, atmete ich erst mal durch, gab mir eine Ohrfeige und kniff mich. Eigentlich war das nicht notwendig, denn es klebte immer noch Sand an meiner Haut, der sich langsam löste und sich auf meinem Bett verteilte.
 
Ich beschloss, heute keine Experimente mehr zu machen. Sicher ist sicher.


Der zweiter Sprung

Am nächsten Tag überlegte ich, ob es nur ein Traum war oder ob ich wirklich auf dieser tollen Insel war, beschloss vorerst keinen weiteren Versuch zu unternehmen, bevor die Schule nicht zu Ende ist.

Die Schule war langweilig wie immer. Wieder zu Hause, quälte ich mich durch die Hausaufgaben, aß zu Abend und verzog mich auf mein Zimmer. Jetzt hatte ich Ruhe.

Ich zog den Reisekatalog hervor und vertiefte mich in das bekannte Bild. Das Ziehen kam viel schneller und schwupps fand ich mich am Strand wieder. Herrlich.
Weißer Sand, die untergehende Sonne, das Meer, das junge Mädchen neben mir, erste Sterne und ... Moment!
Ein Mädchen?
Entsetzt starrten wir uns an.
Sie mich, als sei ich ein Geist.
Ich sie, weil ich mich ertappt fühlte.
Sie stand halb hinter mir und hatte auf jeden Fall gesehen, dass vorher der Strand leer war. Verdammt!

Lange Augenblicke starrten wir uns an. Dann lächelte ich schüchtern und brachte ein "Hallo." hervor.

Sie antwortete mir irgendetwas auf griechisch, was ich nicht verstand. Dann fing sie an, zu reden wie ein Wasserfall. Ich fragte auf englisch, ob sie mich verstehen könne, leider war ihr englisch sehr schlecht. Immerhin.

Erst erklärte ich ihr, das ich kein böser Mensch war, dann, was ich hier mache. Mit Händen und Füßen redete ich, malt Bilder in den Sand und radebrachte vor mich hin. Sichtbar schwer fiel es ihr, mir zu glauben. Mir fiel ein, dass ich es ihr zeigen könne.
Ich wies sie an, zu warten, konzentrierte mich auf das andere Ende der Bucht und war kurz darauf dort. Ein leiser Aufschrei hallte zu mir herüber.
Nun konzentrierte ich mich auf das Mädchen und wenig später stand ich unmittelbar vor ihr. Mit großen braunen Rehaugen starrte sie mich an. Man, sie war bildschön, mein Alter und ich fühlte ein Kribbeln im Bauch, dass ich vorher so nicht kannte.

Nun ja, beim Kribbeln blieb es nicht. Wir küssten uns und viele wilde Küsse später lagen wir auf dem Strand und liebten uns. Was für eine Nacht.
Als die Sonne den Horizont wieder heller werden ließ, verabschiedete ich mich von ihr und war schnell zurück in meinem Zimmer. Mir blieben noch knapp zwei Stunden Schlaf bis mein Wecker mich aus einem schönen Traum riss.

Der Schultag war anstrengend. Nicht nur, weil ich so hundemüde war, nein, ich dachte auch immer an meine kleine griechische Perle. Die Mädels aus meiner Klasse hatten soeben viele Punkte verloren. Zumal einige sich gaben, als seien sie die hübschesten Mädels auf der Welt. Innerlich kotzte ich ihnen vor die Füße.

Da wir heute keine Hausaufgaben aufhatten, schlief ich erst mal eine Runde. Danach sprang ich wieder auf den griechischen Strand.
Und war allein.
Mehrere Stunden wartete ich, doch sie kam nicht.
Traurig sprang ich zurück um mir sofort den Katalog zu schnappen und ein anderes Ziel zu suchen.


Wohin als nächstes?

Rügen. Hmm, eher langweilig. Kopenhagen? Unspannend. Sylt? Never! Wenn, dann Ostsee! Riga. Naja, erst mal nicht darüber. Die Alpen? Brr, zu kalt. Legoland! JA!

Schnell vertiefte ich mich auf das Bild, besonders auf den Weg vor den Legobauten und fand mich vor einem großen Legoindianer wieder.
Spärlich beleuchtet lag der Park still da. Gemütlich ging ich durch die Landschaften und genoß die Ruhe. Bis plötzlich hinter mir jemand auf dänisch etwas rief. Da ich weder griechisch noch dänisch spreche, vermutete ich nur, dass ich stehen bleiben solle. Das tat ich aber nicht und flitzte los. Schnell um einige Ecken rum, über flache Legolandschafte und zuletzt einen Flughafen. Schließlich konnte ich mich verstecken, Luft holen und dachte an mein Zimmer.
Schnelle Schritte kamen näher.

Ruhter Atmen! Ruhiger Atmen!
Mein Zimmer! Denk an das Zimmer, das Bett!

Als ich die Augen öffnete, sah ich Taschenlampen aufleuchten, schon recht nahe.
Wieder schloß ich die Augen, versuchte, die Wachleute auszublenden, dachte an mein warmes Bett und fühlte das Ziehen.

Schwer ausatmend fand ich mich auf meinen Bett wieder.
"Oh man! Ich muss besser aufpassen."
Aufgezogen wie ein HB-Männchen schritt ich in meinem Zimmer auf und ab. Hin und her gerissen, ob ich das nun lustig oder beängstigend finden sollte, lief ich hin und her und überlegte, wie ich nun fortfahren könne. Oder ob mir vielleicht Gefahren drohen?

Was, wenn ich in einem Vulkan lande?
Ach, egal. Dann ist's vorbei.

So grübelte ich eine Weile vor mich hin und den Schalk im Nacken, sprang ich einfach mal in den Keller, um mir eine Flasche Saft zu holen. Es gelang. Ich wurde immer besser, immer schneller. Die ganze Aktion dauerte nur wenige Minuten. Zu Fuß wäre ich schneller gewesen, jedoch machte es so sehr viel mehr Spaß.

Am nächsten Nachmittag fragte mich meine Mutter verwirrt, ob ich gestern spät abends nochmal im Keller gewesen wäre. Sie hatte die Flasche gefunden.

Ok, besser aufpassen!

Sprungreisen

In den nächsten Tagen sprang ich immer weiter. Über Internet suchte ich mir tolle Bilder, lud sie in Vollbild auf den PC und sprang dahin, nachdem ich sie nur wenige Sekunden betrachtete.
Herrlich!
Fast jeder der Orte, die bing.de täglich zeigte, besuchte ich persönlich. Ich war in der russischen Steppe, in der finnischen Tundra, in der Wüste, leider auch im Atlantik, die Insel Pitcairn verfehlte ich um einige Meilen, war in Kanada mitten im Grünen und zuletzt auf Mallorca. Ja, billig, ich weiß, aber da wollte ich schon immer mal hin.
Für mein schmales Budget war Ballermann grad gut und ich konnte das gebrauchen. Und die Mädels waren einfache Beute.

Beim Thema Geld fiel mir etwas anderes ein. Tresore! Vielleicht könnte ich in einen Tresorraum eindringen, mir Geld "borgen" und dann verschwinden.

So suchte ich nach Bildern von Banktresoren.
Die anfängliche Suche war weniger erfolgreich. So beschloss ich, einfach mal Banken direkt zu besuchen und mir die Tresore zeigen zu lassen. Das stellte sich als weniger interessant heraus, als gedacht. Das sind ja alles Schließfächer, da fehlen mir die Schlüssel.

Nun ja, da würde sich sicher was finden.

Als ich einige Tage später in Lehrerzimmer war um einen Bericht abzugeben, sah ich die dortige Kaffeekasse.
Am nächsten Tag machte ein Gerücht die Runde, dass die Kaffeekasse gestohlen worden wäre.
Das passierte in meinem Umfeld jetzt öfter. Vereinskassen wurden geleert, kleinere Läden in der Mittagspause beraubt, ohne das jemand den Laden betrat und vereinzelt verschwanden Pakete aus Paketlieferwagen.

Ich erfreute mich an neuem Geldzugang, verfügte über einen neuen PC und diversen Sachen, die ich bei ebay verscherbelte.

Das war ein Fehler!

Polizei im Hause

Irgendwann klingelte es an der Tür, schwere Schritte polterten die Treppe hoch und die Polizei stand in der Tür. Mein Glück war, dass ich schon fast alles verkauft hatte und mein geklautes Geld in einem Schließfach aufbewahrte. Der Schrecken war trotzdem groß. Man wies mir nach, einen geklauten PC verkauft zu haben. Ich gab an, den selber gebraucht von einem Fremden angeboten bekommen zu haben, wollte dann aber doch lieber Geld, statt des PC. Somit war der PC und das Geld weg, mein Ruf angekratzt, denn das sprach sich leider rum, dass die Polizei bei mir war, jedoch passierte weiter nicht viel.

So sprang ich erst mal wieder in der Welt herum, klaute Dollars und schaute mir spannende Ecken an und Angst, entdeckt zu werden, hatte ich immer weniger.
Selbst, wenn ich mitten auf einer Straße landete, achtete kaum jemand auf mich. Ich musste nur schnell weitergehen und so tun, als sei alles normal.
Zumindest klappte das in großen Städten wie New York oder Paris sehr gut. In kleinen verträumten Orten war das schwieriger, da musste ich mir vom Bild eine Ecke suchen, die ruhig zu sein versprach.

Sprung via Satellit

Bald probierte ich, ob die Sattelitenaufnahmen von den Kartendiensten mir auch helfen konnte. Das lief aber nicht so gut. Irgendwie lenkten mich die Bilder ab und, schlauerweise, wählte ich als Ziel einen See, ich konnte die Höhe nicht bestimmen. So sprang ich und landete in gefühlten tausend Metern Höhe, es wären wohl "nur" zwanzig oder dreißig Meter, in der Luft und fiel wie ein Stein schreiend ins Wasser.
Aua!
Die nächsten Wochen sprang ich erst mal nicht mehr.

Praktisch wurde meine Gabe, als mir die Schulschläger auf dem Weg nach Hause mit gewohnt schlechter Laune entgegen kamen. Ich floh um eine Ecke, sprang hinter eine Mülltonne und war weg.
Am nächsten Tag schauten sie mich verunsichert aus der Ferne an, ließen mich aber in Ruhe.
 
Versuche, die Mädchenumkleiden zu erreichen ohne gesehen zu werden, verliefen nicht so erfolgreich und brachten mir nur ein Gespräch mit dem Rektor ein. Die Toiletten konnte ich besuchen, da ich in die entlegensten Kabine sprang, die ich mir vorher heimlich anschaute, und konnte dann Gespräche belauschen. Mehr war aber nicht drin. Und so spannend waren die Unterhaltungen nicht, meist ging es um tolle Jungs, tolle Lehrer, doofe Mitschüler und Schminke.
 

Ein lebensgefährliches Problem

Eines Abends fiel ich hundemüde ins Bett und schlief fast sofort ein. Im Halbschlaf musste ich wohl die Bilder des Bildschirmschoners betrachtet haben. Darauf liefen die Bilder von der Mars Mission Curiosity ...
 

Alternatives Ende


Vermisst: Seit Dienstag Abend wird der 17jährige Marco S. vermisst. Er verschwand ungesehen aus dem Haus seiner Eltern und wurde seit dem nicht gesehen. Wer sachdienliche Hinweise zum Auffinden von Marco S. hat, wendet sich bitte an die Polizeidienststelle ...

 

Alternatives Ende Zwei


+++ Sondermeldung: Gibt es Leben auf dem Mars? Die Mars-Sonde Curiosity hat die Überreste von menschlichem Gewebe und Knochen gefunden. Auch sowas wie Kleidung scheint vorhanden zu sein. Die Überreste sind jedoch bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Die gefundenen Überreste scheinen zu einem regelrecht explodierten Körper zu gehören. Weitere Informationen liegen zur Zeit nicht vor. +++

 

Alternatives Ende Drei

Mein Protagonist kann den Sprung gerade noch abbrechen, hat nun aber Angst vor "gefährlichen" Bildern.
 
 
Was gefällt Ihnen besser?
 
© ist und bleibt beim Autor dieser Zeilen. Nachdruck, Verbreitung, Kopie und Veröffentlichung nur auf Nachfrage.

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