Mittwoch, 7. Oktober 2015

Störung des Unterrichtes

Diese Geschichte beruht auf den Erzählungen einer Kollegin. Eine ihrer Teilnehmerinnen wurde während des Lehrgangs immer selbstbewusster. Gefördert wurde das auch von ihren Kolleginnen. Sie schminkte, lernte viel und blühte regelrecht auf. Dann kam sie eines Tages mit einem blauen Auge nach Hause. Ihr Mann hatte sie geschlagen, weil sie sich veränderte und selbstbewusster wurde. Diese Erzählung habe ich dann in mein Seminar verlegt. Mit ist sowas zum Glück nie passiert. Nur selbstbewusster wurden viele meiner Damen. Das ist immer toll zu erleben.

Im Unterricht erlebt man ja so einiges. Es sind schon diverse Dinge passiert, keine wirklich bedrühlichen, aber schon beeindruckend. Ich dachte schon, mich überrascht nichts mehr, nach all den Jahren, da passierte etwas, dass ich so schnell nicht vergessen werde.

Wir waren gerade dabei, den Serienbrief in Word zu besprechen, als die Tür zum Unterrichtsraum aufgerissen wurde und ein Mann in Jogginghose reinstürmte.

"HILDE! Komm her! Ich hab gesagt, du sollst nicht mehr her!"

Wild schaute er sich um und blickte dann in mein überraschtes Gesicht.

"Was guckst du so, du Penner? Wo ist meine Frau?"

Nun, da ich die Teilnehmer sieze, hatte ich das nicht so mit den Vornamen. Da eine der Damen jedoch erschreckt aufgeschrien hatte und sich nun hinterm Monitor versteckte, glaubte ich zu wissen, wer Hilde sei.

Beim Bund hatte ich etwas über Deskalation gelernt und wollte das hier nun anwenden. Allein der Mann war meiner höflichen Ansprache nicht zugänglich.

"Halt's Maul! Ich hab die dumme Kuh schon gefunden."

Er ging in die Reihe, wo seine Frau saß und zerrte sie brutal am Arm hoch, verdrehte diesen und gab ihr eine kräftige Schelle. Nur halbherzig wehrte sie sich. Immerhin war er deutlich kräftiger gebaut als sie.

Himmel Arsch.

Ich wollte ihn, und besonders sie, so nicht gehen lassen. Wer weiß, was er mit ihr anstellen würde. So trat ich ihm in den Weg. Hinter sich, nun von seiner linken Pranke gehalten, seine Frau, leise weinend.

"Verpiss dich!" fauchte er mich an.

"Nein!" gab ich zurück.

"Aller, ich klopf dich windelweich, wenn du nicht abziehst!"

"Dann los."

Ruhig stand ich vor ihm und schaute ihn an.

Mit einer verächtlichen Bewegung ließ er seine Frau los und wollte aus der Bewegung mit dem linken Arm zuschlagen. Mit beiden Armen fing ich die Bewegung des Armes ab und lenkte sie an mir vorbei, hielt sein Handgelenk fest und zusammen drehten wir uns im Kreis. Ich stand nun mit dem Rücken zu ihm.
Dann stoppte ich und ließ ihn weiter drehen, hielt dabei aber sein Handgelenk fest. Er schrie auf.
Nun standen wir nebeneinander und ich hielt seinen Arm am Handgelenk fixiert, seine Handfläche nach außen, meine Schulter und seine gerammt. Was sich hier eher lustig anhört, war recht schmerzhaft für ihn, insbesondere, wenn ich nur ein klein wenig meine Hände nach vorne nahm. Da musste er sich verbeugen.

Er brüllte, schrie, sabberte dabei und versuchte mich mit seinem freien Arm zu schlagen, was nicht gelang. Ich führte ihn von seine Frau und den übrigen Teilnehmern weg und redete auf ihn ein.

"Wenn Sie sich wehren, tut das weh, wenn Sie ruhiger werden, hört der Schmerz auf."

Wieder zappelte er und wieder verdrehte ich leicht das Handgelenk. Er schrie auf und wurde ruhiger. So führte ich ihn aus dem Raum und zur Anmeldung. Diese bat ich, die Polizei anzurufen. Wir hätten hier einen gewalttätigen Angriff und Störung des Unterrichtes.

"Lass mich los!" brüllte er.

"Nö."

Wieder wollte er sich bewegen, wieder ließ ich ihn sich vorbeugen. Er sah es ein. Scheinbar entspannt stand ich da und wartete auf die Polizei. Als diese endlich eintrafen, war ich schon erleichtert. Das ständige Gezappel war anstrengend zu kontrollieren.
Die Polizistin schaute sich die Szene schmunzelnd an, schaute genauer auf meinen Griff und fragte nur:

"Aikido?"

Mein Nicken war die Antwort, dann war ich den Mann los und er in Handschellen abgeführt. Endlich.

Mit zitternden Beinen und schlappen Armen ging ich in die Cafeteria und trank ein Glas Wasser. Die gesamte Anspannung löste sich, was zu einem Zittern meiner Hände führte. Die Polizistin kam wieder um mich und die Teilnehmer zu befragen, merkte was mit mir los war und schickte mir einen Sani.

Der ließ mich auf den Boden setzen. Bei meiner Länge fällt man nicht gern um, auch nicht vom Stuhl.

Nach einigen Minuten ging es wieder und ich fragte nach meiner Teilnehmerin. Diese war wohlauf, wurde aber im Krankenhaus untersucht. Der Mann kam vorerst in Haft.

Später kam die Polizistin die, nebenbei bemerkt, sehr attraktiv war, und stellte mir zahlreiche Fragen. Soweit ich konnte, beantwortete ich diese und stellte auch einige Fragen, ich wollte nicht, dass sie so schnell ging.
Mit einem Schmunzeln schob sie mir ihre Karte zu sagte lächelnd:

"Wenn Ihnen noch etwas einfällt, sie etwas wissen möchten oder woanders ein Glas Wasser trinken wollen ..."

Ich lief rot an, freute mich aber.

Drei Tage später gingen wir das erste mal zusammen aus.

Die Teilnehmer hatten sich inzwischen erholt, waren begeistert von meinen Eingreifen, was ich aber abwinkte. Der Serienbrief wartete.
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Überfall aus Eifersucht

Zahlreiche langweilige Meetings zu Vertriebszeiten ließen solche Geschichten entstehen. Die Geschichte schwebt mir schon lange im Kopf, fast vergessen.
Das Meeting war wieder langweilig. So derbst langweilig. Mein Kollege, der den Vortrag hielt, leierte seine PowerPoint-Folien herunter, las brav ab, was da stand und klickte weiter. Ein Kollege und ich schüttelten den Kopf, lehnten uns zurück und drifteten geistig ab.
Im kleinen Meetingraum nebenan lief die Ausbildung der Trainees. Dort wurde gelacht, da waren Dialoge. So wünschte ich mir das hier auch. Ich hielt es nicht mehr aus. Der Tonfall des Kollegen wurde leiernder und leiernder und bevor ich hier schlafend vom Stuhl kippte, ging ich lieber auf Klo.
So erhob ich mich mit einer gemurmelten Entschuldung von wegen Harnblase und so und ging raus auf Klo. Ah, Freiheit. Ich beschloss, noch ein Käffchen zu trinken, nee, abends eher Wasser, und nicht mehr zurück in den Raum der Qual zurück zu gehen. Während ich noch am Urinal stand, hörte ich das quäkige Dä dü dü der Klingel. Bald darauf ertönten die harten Absätze der Lederschuhe auf den Fließen. Ich wusch die Hände. Die Tür klapperte und während ich das Wasser abstellte, hörte ich einen erschreckten Aufruf, ein Rumpeln, irgendwas schien an der Wand entlang zu schaben. Dann harte Schritte auf unserem gefliesten Flur.
Was war da los?
Durch die geschlossene Tür konnte ich hören, wie die Schritte vor die Türen eilten, diese auftraten, dann knallten fast zeitgleich je zwei Schüsse in die Decken der beiden Meetingräume. Das erfuhr ich später von den Kollegen.
Scheiße.
"RUNTER, IHR SCHWEINE! ALLE RUNTER!"
Nun hatte ich das Bild vor meinem geistigen Auge, wie meine Kollegen sich hektisch zwischen den Stuhlreihen auf den Boden warfen. Der Meetingraum war voll, die Stuhlreihen eng.
"WO IST DIE SCHLAMPE?"
Ah, daher weht der Wind. Vielleicht eine der neuen jungen Kolleginnen?

Nun überlegte ich, was zu tun sei. Aktuell befand ich mich in relativer Sicherheit. So lange es dauert. Kurz dachte ich daran, die Polizei anzurufen, jedoch hallte es hier in der Toilette sehr, so dass ich davon Abstand nahm.
Eine Entscheidung wurde mir abgenommen. Eilige Schritte kamen auf mein Versteck zu, einer der Angreifer schien den kleineren Meetingraum verlassen zu haben.
Ganz eng stellte ich mich an die Wand hinter der Tür. Diese flog dann auch gleich auf. Erst bei den Damen gegenüber, dann, nur wenig später, bei mir. Eine Pistole ragte in den Raum herein und zielte auf die Tür zum Urinal.
Nur einen winzigen Augenblick zögerte ich und griff dann beherzt zum Waffenarm. Zeitgleich warf ich mich gegen die Tür. Ein überraschter Aufruf war die Quittung und ich verdrehte nicht nur die Pistole in der Hand, sondern presste den Körper zurück und klemmte den Arm kräftig ein.
Ein Schrei ertönte hinter der Tür und ein Schuß löste sich. Klirrend ging der Spiegel hinter mir kaputt. Scherben fielen auf das Waschbecken und den Fußboden.
Wieder und wieder rammte ich mich gegen die Tür, bog einen Finger nach hinten, bis er brach und endlich hatte ich die Pistole frei.

Der von mir so geschundene Arm zog sich zurück, ich folgte sofort und blickte in die erschrockenen Augen eines eher jungen Mannes in wilder Kleidung.
Ok, in seinen Kreisen mögen Sporthosen, riesige Turnschuhe und ein quer sitzendes Basecap cool wirken.
Als er mich, ganz Schlipsträger, sah, verzerrte sich sein Gesicht zu einer wütenden Fratze und er wollte sich auf mich werfen. Mehr erschreckt als gezielt drückte ich ab. Sein Vordringen endete abrupt und blieb stehen.
Ungerührt schaute ich ihm in die Augen, hob die Waffe in Brusthöhe, sagte:
"Idiot!"
und drückte erneut ab. Sein Blick brach schnell und er kippte in die Damentoilette.

"Dennis! Alles ok?"
"Dennis?"

Ich antwortete an der Stelle des Toten.

"Ja, ok."

Sofort eilte ich aus dem Bereich der Toilette zur gegenüberliegenden Wand und lugte um die Ecke.

Neben mir, hinter der Wand, lag der kleine Meetingraum. Von da kam Dennis, vermutete ich. Parallel dazu lag der große Meetinraum. Das Dumme war, dass wir neben den Türen sogenannte Lichtschwerter hatten. Glasscheiben, die Licht in den Flur lassen sollten. Leider auch den Blick auf mich freigaben, wenn ich den Flur betrat.

Ich hiel die Waffe nach vorne und schaute zu den Türen. Aus dem großen Raum ertönten die Angstschreie einer jungen Frau.

"DU SCHLAMPE KOMMST JETZT MIT! UND DEINEN CHEF MACH ICH KALT!"

Oha, da war jemand sauer. So eilte ich über den Flur in die Ecke zwischen den Türen. Kurz schaute ich in den kleinen Meetinraum, dort waren meine Kollegen zusammen gezuckt. Einige hatten ihr Telefon in der Hand. Ich nickte ihnen zu und drehte mich zur Tür neben mir.

Diese wurde gerade aufgerissen und eine der neuen Kolleginnen hart hinausgestoßen. Ihr Kostum war zerrissen, der Rock halb herunter gerissen und ihre sonst so perfekt sitzende Frisur ließ zu wünschen übrig.

Dann trat mit einem lauten "DENNIS!" ihr Kontrahent durch die Tür und blieb zur Säule erstarrt stehen. 
Ob das daran lag, dass er seinen Kumpel im Blute liegend sah oder daran, dass er meine Pistole an seinem Kopf spürte, weiß ich nicht.

"Waffe runter!" befahl ich in ruhigem Ton.

Stille.

Leise schluchzte die junge Vertrieblerin.

"Alter, mach kein' Scheiß!" sagte nun endlich der Mann in der Tür. Schweiß stand auf seiner Stirn und jetzt erst fielen mir Blutspritzer an seiner und der Kleidung der jungen Kollegin auf.

"Sagt der Richtige. Waffe runter!" befahl ich erneut.

"Was willst du tun? Mich abknallen wie meinen Freund?"

"Jupp."

Unsicher schielte er zu mir rüber. Ich trat einen halben Schritt zurück.

Stille.

Straßenlärm drang gedämpft zu uns herein, Polizeisirenen kamen näher, ein Stöhnen kam aus dem Meetingraum neben mir, die Freundin von meinem Gegenüber brach zusammen.

Da explodierte er förmlich mit einem lauten Schrei und riß dabei die Waffenhand hoch um in meine Richtung zu zielen.
Weit kam er nicht.

Mein Schuß löste sich in dem Moment, als er mir das Gesicht voll zuwendete, die Hand halb in meine Richtung erhoben.
Mitten in der Bewegung riss meine Kugel den Kopf nach hinten, auf der weißen Wand waren rote Sprenkel und weiße Glibberflecken. Steif wie ein Baum kippte er nach hinten.

"Scheiße." sagte ich leise. Dann trat ich in den Raum und schaute in bleiche Gesichter voller Panik. Meine Kollegen trauten ihren Augen nicht. Was 'n Wunder. Gewalt kannten die nur aus dem Fernsehen. Tja.
Unsicher erhob sich einer und stolperte nach vorne. Beklommen schaute er mich an, unsicher, was er sagen sollte. Gut, mit der Pistole in der Hand sah ich sicher nicht vertrauenserweckend aus.

Diese legte ich auf das Rednerpult und schaute mir meine Kollegen der Reihe nach an. In eine der Reihen wurde einer notdürftig versorgt. Eine Kugel hatte seine Schulter durchschlagen.

Draußen auf dem Flur lag die junge Kollegin, dessen Liebhaber dieses Chaos verursachte. Ihr Gesicht sah nach Schock aus, was mir aber egal war. Im Moment war mir alles egal.

Kurz ging ich noch in den kleinen Meetingraum, dort hatten sie weniger mitbekommen und saßen abwartend da, viele mit den Telefon in der Hand.

Eine Erschöpfung legte sich um meinen Körper wie ein tonnenschwerer Bleiumhang. Grad noch schaffte ich es zu einem Stuhl. Dort sackte ich zusammen, unfähig, mich noch zu bewegen oder gar zu sprechend.
Irgendwer fragte etwas, das drang wie durch Watte zu mir. Als die ersten Polizisten eintrafen, wurden sie von meinem Chef instruiert. Sanitäter kümmerten sich um den Verletzten und zwei Beamte nahmen mich mit.

Das Büro habe ich nie wieder betreten.

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Donnerstag, 24. September 2015

Selbstmörder auf dem Baukran

Diese Geschichte fiel mir heute auf dem Weg zur Arbeit ein.
 
Die Baustellenbesichtigung war ganz interessant. Mit unseren knallgelben Bauhelmen liefen wir unserem Tourguide hinterher und ließen uns die spannendsten Teile der Baustelle zeigen. Wir waren fast ganz oben, als unser Guide uns abrupt anhielt, seiner Funkanweisung lauschte, erst ungläubig, dann besorgt dreinschaute.
 
Als der junge Mann, der fast neben mir stand, sich wegdrehte, hörte ich noch das Wort "Selbstmörder" und "Kran" und "WIRKLICH?".
 
"Das ist doch Kran Drei, gleich hier neben uns." sprach er mit bemüht leiser Stimme hörbar aufgeregt in sein Mikro. "Verdammt!"
Er richtete sich wieder zu seiner vollen Größe auf, atmete durch und rief uns zusammen. In beruhigenden Worten machte er uns klar, dass die Tour aufgrund eines Zwischenfalles hier nun beendet werden muss und er uns nun nach unten führen würde.
 
Nervös blickte er dabei immer wieder auf das riesige Loch in der Betonwand, wo später eine Fensterfront sein sollte. Direkt davor stand das Gitter eines gelben Baukranes. Wir sollten nun zügig daran vorbei gehen, doch ich war neugierig geworden und schaute hinaus. Tatsächlich. Etwas oberhalb von unserer Position kletterte ein ebenfalls junger Mann langsam das Gerüst hoch. Im Grunde bewunderte ich ihn dafür, denn ich hatte Höhenangst.
 
Etwas zog an meinem Ärmel, mein Guide.
"Bitte kommen Sie! Die Polizei ist informiert und wird sich kümmern."
Überzeugt klang er nicht und ich wusste aus meiner Erfahrung, dass die Kollegen erst mal unten alles absperren, einen Psychologen herbeordern und hier beordern und dann Gespräche anfangen würden.
 
Kurzentschlossen schaute ich mich um, ergriff eine lange Aluleiter und schob sie zur Fensteröffnung.
 
"Was haben Sie vor?"
 
"Wonach sieht das aus? Ich habe eine Leiter und ich werde sie benutzen." Den Spruch brauchte ich für mein Ego und meinen nervösen Magen.
 
Die Leiter konnte ich fast im fünfundvierzig Grad Winkel aufstellen und gegen die Außenwand lehnen. Der Kran stand nur, nur ist hier relativ gemeint, wenige Meter vom Gebäudekorpus weg. Meine Beine wurden weich, mein Puls schien zur Dampfmaschine zu werden.
 
Bemüht, nach vorne und ja nur nicht nach unten zu schauen, atmete ich noch einmal durch und bestieg die Leiter.
 
Gottverdammtescheiße!
 
Ja, verflucht, ich habe Höhenangst. Ja, verflucht, dreißig Meter sind HOCH und Leitern nicht vertrauenswürdig. Mit schwitzigen Händen krabbelte ich langsam über die Leiter nach oben, fast auf allen vieren und verkrampft nur nach vorn und oben schauend.
 
Scheiße! Scheiße! Scheiße!
 
Im Grunde war ich froh, als ich _endlich_ den verfluchten Kran erreichte und mich im Gestänge setzen konnte, wie auf eine Turnstange. Als dieser blöde Kran sich jedoch ganz leicht im Wind drehte, verkrampften sich meine Arme und die Stange neben mir, mein Puls machte einen erneuten Satz und ich musste an mich halten, nicht die Blase gegen meinen Willen zu entleeren.
 
Es gab eine Leiter, die ich nach einigen Sekunden des Atmens nutzte. Auf dem Ausleger angekommen, schaute ich diesen entlang und erblickte den jungen Mann gar nicht weit von mir, sich ebenso wie ich, festklammernd. Ihm schien die Höhe auch nicht zu gefallen.
 
Toll!
 
"Hallo!" rief ich.
 
Hektisch drehte er seinen Kopf zu mir, schrie auf und wedelte mit den Armen. Ich sollte wohl weg bleiben.
 
Kannst du haben.
 
Er sagte noch was, was ich nicht verstehen konnte, und ich rief noch mal:
 
"Hallo!"
 
Er schüttelte mit dem Kopf und ich rief viel lauter:
 
"Können Sie nicht etwas näher kommen, dass wir uns unterhalten können? Ich habe eine scheiß Höhenangst und möchte ungern zu Ihnen raus kommen müssen."
 
Er schüttelte den Kopf. Arsch.
 
So kletterte ich ganz auf Höhe des Auslegers und etwas darauf. Da wedelte er mit den Armen.
 
"Na gut." rief ich, "Dann kommen Sie etwas näher! Sonst muss ich zu Ihnen raus."
 
Nur nicht nach unten schauen. Nur nicht nach unten schauen.
 
Tatsächlich. Er kletterte einige Meter zu mir herüber und hielt in circa zwei Metern Abstand.
 
Meine Arme zitterten etwas, mein Atem ging schwer, trotz dessen ich saß. Schweiß lief mir von der Stirn runter und mein Unterhemd klebte schon.
 
Mist verdammter!
 
"Guten Tag. Polizeihauptmeister AD Bleier. Freut mich Sie kennen zu lernen. Dürfte ich Ihren Namen erfahren?"
 
Mit ungläubig aufgerissenen Augen starrte er mich an.
 
"Jakob, Jakob Stresemann."
 
"Hallo Jakob. Mögen Sie mir bitte auch Ihr Geburtsdatum verraten?"
 
Wieder schaute er mich an, als sei ich hier der Irre, nicht er.
All meine Schauspielkunst zusammen nehmen, schaute ich ihn auffordernd an, als sei das hier ein ganz normales Gespräch.
 
Er nannte es mir und ich schaffte es sogar, diese Daten in meinem Notizbuch festzuhalten, welches ich blind aus der Tasche zog.
 
Nur nicht nach unten schauen. Schau ihn an, schau nach vorne.
 
"Vielen Dank. Das dient der Identifikation, damit wir Ihre Hinterbliebenen leichter informieren können. Es ist immer schwer, für die Angehörigen, wenn sie Suizidopfer im Leichenschauhaus identifizieren müssen."
 
Ein Zucken ging über sein Gesicht.
 
Ha! Daran hast du nicht gedacht, was? Dass deine Mutter vielleicht ein ganz klein wenig traurig sein könnte, ihren Sohn zermatscht auf dem Asphalt zusammen kratzen zu lassen.
 
"Ihre Körpergröße und Ihr Gewicht, bitte!"
 
"Was wollen Sie denn damit?" fragte er verwirrt und ärgerlich zurück.
 
"Na, hören Sie mal. Sie sind doch hier hoch. Kennen Sie das nicht aus den Lucky Luke Comics? Der Leichenbestatter hat doch vor jedem Duell Maß genommen, damit er hinterher schnell den Sarg bestellen konnte."
 
Sein Blick sagte alles. Ich hatte ihn durcheinander gebracht und abgelenkt. Punkt für mich.
 
Die ganze Zeit hatte ich nur ihn, und wirklich nur ihn angeschaut. Meine scheiß Höhenangst machte mir zu schaffen. Normalerweise versagte ich schon bei Hochseilgärten an der ersten Leiter nach oben.
 
Nun passte ich nicht auf, erhaschte einen Blick nach unten und alles drehte sich. Ich biss die Zähne zusammen, pumpte Luft dadurch und stöhnte verkrampft auf.
 
Fragend schaute er mich an.
 
"Höhenangst." stöhnte ich. Unten sah ich Blaulichter von Polizei und Rettungswagen. Auch zivile Kollegen waren vor Ort.
 
"Und was machen Sie dann hier?" fragte er. Na, danke.
 
"Wonach sieht das wohl aus? Sie retten!"

"Und wenn ich nicht gerettet werden will?"

"Na, dann möchte ich vorher wissen, warum Sie überhaupt hier oben sind, in dieser *zensiert* Höhe?"

"Sie haben 'n Knall!"

"Das sagt der Richtige." gab ich zurück.

Der Wind wurde etwas kräftiger und der Kran vibrierte etwas. Mein Magen sprang Flickflacks rückwärts, mein Gesichtsfeld verschwamm und ich stöhnte wieder auf. Peinlich.

Ich konnte, als ich wieder sehen konnte, ein wenig Mitleid in seinem Gesicht sehen.

"Alter." stöhnte ich. "So ein Scheiß. Ich flieg nicht mal mit 'nem Flugzeug."

Er grinste. Hey, das ging gut weiter.

"Und warum wollen Sie jetzt ohne Fahrstuhl darunter?" fragte ich. Ich musste mich ablenken.

"Meine Freundin hat mich verlassen." sagte leise.

"JA UND?" Diese Frage kam aus dem Bauch heraus von ganzen Herzen.

"ICH LIEBE SIE!"

"Klar. Das kennen wir alle. Deswegen springt man doch nicht in den Tod!"

"ICH KANN NICHT OHNE SIE LEBEN!" schrie er mich an. Das lief nun grad weniger gut. "ICH WILL SIE WIEDERHABEN!" War da eine Träne?

Vorsichtig schüttelte ich den Kopf.

"Ihren Schmerz kann ich gut nachvollziehen. Als meine erste Freundin mich damals sehr überraschend verlassen hatte, war ich auch verdammt traurig. Und wütend. Und Frauen habe ich gehasst. Alle, ok, bis auf meine Mutter."

"Ich kann nicht ohne sie leben." wiederholte er nun etwas ruhiger.

"Na, bisher machen Sie einen sehr lebendigen und fitten Eindruck. Also klappt das schon mal sehr gut. Der Schmerz geht vorbei, das kann ich Ihnen versprechen. Ich brauchte ein Jahr, um über das gröbste hinweg zu sein und Frauen nicht mehr pauschal blöd zu finden."

Nun war er es, der den Kopf schüttelte.

"Und dann, dann geht's ab! Ich hatte danach die lustigste Zeit in meinem Leben, was den Sex angeht. Alter Schwede. Da spielt man wieder richtig auf. Das hat Spaß gemacht."

Gedankenverloren an diese Zeit, schaute ich von ihm weg und mein Blick glitt nach unten. Sofort drehte sich alles und erneut verkrampfte ich mich in das Gestänge.

"SCHEISSEEEEEE!" stöhnte ich.

"Hä?" fragte zurück.

"Hab nach unten geschaut." ächzte ich.

Mit gerunzelter Stirn schaute er mich an, als sei ich selbst Schuld. Dann überraschte er mich mit seiner Frage:

"Meinen Sie, das geht wirklich vorbei."

"Scheiße, verdammte, ja. Nach dem Jahr des Zorns hatte ich Sex wie nie. Dummerweise hatte ich immer recht schnell wieder 'ne feste Freundin. Naja, nun bin ich verheiratet. War also nicht so schlimm."

Nachdenklich sah er mich an.

"Ich vermisse sie."

"Das ist gut so. Wäre auch komisch, wenn nicht. Nützt aber nix, wenn sie nicht mehr bei Ihnen sein will. Reisende und so."

Er nickte. Ha! Noch ein Erfolg.

"Und was glauben Sie, wird Ihre Ex von Ihnen denken? Glauben Sie, sie wird vor Trauer zerfließen? Mit Sicherheit wird sie denken, Sie sind ein solches Weichei, dass vor Trauer gleich vom Kran hüpft."

Der Mund stand ihm offen. "Äh."

Eine Bö ließ den Kran sich drehen. Mir wurde weiß und schwarz vor Augen. Ein Stöhnen entrang sich meiner Kehle. Ich würgte.

Skeptisch schaute er mich an. "Alles ok mit Ihnen?"

"Nein, verdammt. Sieht das hier ok aus?" Meine Klamotten waren klatschnass. Meine Hände weiß, weil sie sich um das Gestänge verkrampften und mir speiübel. Wieder würgte ich.

"Hilfe!" presste ich zwischen den Zähnen hervor. Meine Kräfte schwanden.

"Hä?"

"Hilfe! Sie müssen mir helfen! Ich kipp hier gleich runter. Und ich wollte heute nicht sterben."

"Wie soll ich Ihnen helfen?"

"Keine Ahnung, kommen Sie her, halten mich, helfen mir auf die Plattform was weiß ich, zur Hölle. Sie sind länger hier oben, als ich." Meine Worte kamen gehetzt zwischen den Zähnen hervor.

"Man, wenn es Ihnen hilft, können Sie danach ja immer noch springen."

"Bitte!" ergänzte ich, wieder würgend.

Sichtlich hin und her gerissen, zögerte er. Doch dann machte er sich auf den Weg.

Gott im Himmel, ich danke dir!

Bei mir angekommen, ergriff er mich am Gürtel und zog mich zur Leiter. Ich zitterte nicht mehr, ich schlotterte am ganzen Körper. Ein sich schüttelnder Hund war nichts gegen mich. Beruhigend legte er seine Hand auf meine Schulter, was ich mit einem dankbaren Blick quittierte.

Nach und nach, Schritt für Schritt kletterten wir nach unten. Er hatte mich umfasst, fast könnte es aussehen, als hätten wir Sex. Oh man, Gedanken die man sich macht.

Auf der ersten Plattform brach ich zusammen. Ein Schüttelkrampf packte mich und ließ mich mehrere Minuten zittern, dass ich sicher war, dass die Einsatzkräfte das unten spüren mussten. Was oder ob in den Minuten etwas passierte, kann ich nicht sagen. Ich weiß da nichts mehr von.
Als ich wieder klar war, saßen wir zusammen nebeneinander auf dem schmalen Gitter und schwiegen.

"Danke."

"Hmm?"

"Danke. Dass Sie mich gerettet haben."

"Ah. Wollen Sie nicht mehr den direkten Weg nehmen?"

"Nein."

Ich nickte. "Gut."

Wieder schwiegen wir. Von unten ertönten Schritte auf der Leiter. Ich vermutete, dass ein Polizeipsychologe die falsche Karte gezogen hatte und zu uns rauf musste.

Nein, es kam ein behelmter Einsatzmann vom SEK. Ich vermutete, Geiselrettung.

"Guten Tag."

"Tag." antworteten Jakob und ich zusammen und mussten grinsen.

Irritiert schaute der Beamte uns durch seine Schutzbrille an. Mit zusammengekniffenen Augen fragte er:

"Was ist hier los?"

Ich nickte zu meinem Sitznachbarn rüber. "Wir wollen gleich ein Bier trinken."

"Wollen Sie mich verarschen?"

Müde lächelte ich und schüttelte den Kopf.

"Ich wollte springen."

Der Beamte nickte. "Das hatten wir vermutet. Und jetzt nicht mehr?"

"Nein, jetzt nicht mehr."

"Kommen Sie freiwillig runter?" fragte er, sein Ton war nun eher genervt.

Jakob nickte.

"Dann folgen Sie mir bitte." Ah, doch erleichtert, nicht in den Ringkampf gehen zu müssen. "Kommen Sie auch allein runter?" Sein fragendes Gesicht schaute mich an und ich war versucht, etwas böses zu antworten.

"Gute Frage. Ich kotze gleich. Haben Sie Scheuklappen?"

Wow, sein Gesicht änderte die Farbe von sportlich rot in Zornesrot innerhalb von Sekunden.

"Man, das war ein Witz. Ein scheiß Witz. Sorry, Kollege."

"Kollege?" fragte er, die Augenbrauen skeptisch erhoben.

"Polizeiobermeister Blei." antwortete Jakob statt meiner.

Schwach grinste ich und berichtigte: "Polizeihauptmeister AD Bleier."

"AD?" Der Beamte schaute mich nun sehr intensiv an. "Bleier? Der Bleier?"

"Ja." antwortete ich leise. Verhindern konnte ich nicht, dass mein Gesicht sich vor Trauer verzog. "Der Bleier."

Der Kollege gegenüber nickte und winkte dann Jakob zu. "Dann kommen Sie mal bitte. Das Bier unten geht auf mich."

Beide kletterten voran, ich langsam hinterher. Auf jeder Plattform empfing uns ein Kollege, die dann hinter mir her kletterten. Je tiefer wir kamen und je mehr Polizisten um mich kletterten, desto besser ging es mir.

Nach gefühlten Stunden kamen wir unten an. Als ich endlich endlich festen Boden unter den Füßen spürte, wurde mir schwarz vor Augen und ich spürte nur noch, wie kräftige Hände mich packten.

Als ich die Augen wieder aufschlug, sah ich erst blauen Himmel, dann einen Sanitäter, der mir bekannt vorkam und den Beamten, der ganz oben war.

"Na, wieder besser."

Nickend ergriff ich die Wasserflasche, die mir der Sani reichte. Den halben Liter leerte ich in einem Zug. Ich bekam noch eine.

"Was ist mit Jakob?" fragte ich.

"Den haben wir im Bus. Wird verhört."

"Darf ich gleich zu ihm?"

"Sicher." antwortete er mit einem gleichgültigen Achselzucken.

"Ich möchte ihm einen Arschtritt verpassen."

Anerkennend hob Leiter des SEK eine Augenbraue.

"Gute Idee. Von mir gleich mit."

Mit Hilfe des Sani gelangte ich sicher zum Bus. Jakob sah nicht glücklich aus. Der Beamte in zivil, der ihn verhörte, auch nicht. Er sah aus, wie eine Bulldogge, die eine kleine Katze vor sich hatte, die sich gleich verspeisen wollte.

"Na?"

"Na."

"Was ist los? Siehst aus, als wärest du doch lieber gesprungen."

"Na, der Typ hier" er zeigte auf den Beamten in zivil, "macht einen auf Psychorambo und sieht aus, als wolle er mir die Fresse polieren."

"Das hast du auch verdient. Von mir bekommst du auch noch einen Arschtritt! Geht nur grad nicht."

Ich ließ mich einfach neben den Zivilen in den Sitz fallen, schnappte mir den Protokollbogen und las.
"Na komm, das schaffen wir."

Zusammen gingen wir die Personalien durch, dann trat der Polizeipsychologe auf und übernahm. Der Mann verstand sein Handwerk. Ich hörte Jakob immer entspannter antworten. Der Zivile rückte bedröppelt ab.

Erst jetzt fiel mir das Aufgebot auf, dass hier aufgefahren wurde. Zahlreiche Polizeiwagen standen herum, Krankenwage, Feuerwehr. Hinter Absperrungen standen so viele Neugierige, dass die Polizisten sie kaum abhalten konnten. Lauter Reporter drängelten sich. Kameras filmten das ganze Gelände. Schnell klappte ich den Kragen meiner Jacke hoch und zerrte mein Basecap aus der Jackentasche. Ich versteckte mich hinter einen Bus und lugte um die Ecke.

Wie komme ich hier wieder weg? Der Sani sah mich, erkannte mein Dilemma und sprach mich an.

"Na, Fluchtauto nötig?" grinste er breit.

"Oh man, gerne. Ich geb 'n Bier aus."

"Nicht nötig. Sie haben einen gut bei uns. Immerhin müssen wir hier keine Scheiße aufwischen." lachte er trocken.

Ein anderer Beamter lief auf mich zu. Mist! Das wird wohl nix mit schnellem Abgang.

"Können Sie morgen zu uns aufs Revier kommen, Herr Bleier? Wir brauchen Ihre Aussage. Ihre Aktion hat große Wellen geschlagen. Sie sehen ja, was hier los ist."

"Geht klar."

Formlos reichte er mir seine Karte und ich verzog mich mit dem Sani. Da rief jemand:
"Bleier! Warte!"

Jakob, gefolgt von einem Polizisten und dem Psychologen, lief auf mich zu.

"Man, hau doch nicht einfach ab."

"Sorry, Jakob, mir geht's nicht gut. Ich bin müde. Hundemüde."

Enttäuscht sah er mich an.

"Keine Sorge, es bleibt bei unserem Bier. Versprochen. Nur bitte nicht heute. Ok?"

Sofort hellte sich seine Miene auf. "Ok."

Nun hatte ich auch seine Karte in der Hand, las kurz und steckte sie weg. "Anwendungsentwickler. So so. Erzähl mir bei Bier mehr davon. Ich wende mich jetzt an mein Bett."

Zwinkernd winkte ich ihm zu und wurde vom Sani nach Hause gefahren.


Drei Tage später kratzte man die zerschlagenen Reste von Jakob von der Stelle, wo er mir die Karte überreicht hatte. Ich habe sie bis heute nicht weggeworfen.

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