Samstag, 25. August 2012

Pech gehabt - Reise ins Abflussrohr

Ich hatte Pech gehabt.
Jahrelang, schon als Kind, habe ich genießerisch jeden dämlichen Käfer, jede verdammte Mücke und jede widerliche Spinne getötet, die mir unter die Finger gekommen sind. Unter die Finger ist übertrieben. Latschen, Fliegenklatscher, Zeitungen und Handtücher sind die Mordwaffen meiner Wahl gewesen. Oh wie tat das gut, wenn eine Mücke zerquetscht an der Wand klebte. Oh, wie beruhigend, wenn eine Spinne zerschmettert am Boden lag, noch besser: lebend die Toilette runtergespült wurde und hoffentlich einen qualvollen Erstickungstod erlitt.

Beim Zähneputzen

Tja, bis heute. Das Letzte, woran ich mich erinnern kann, ist der Anblick eines Käfers, der das Pech hatte in das Waschbecken zu fallen. MEIN Waschbecken! Das sollte sein letzter Fehler sein. Dachte ich. Ein wenig dämlich sah es schon aus, wie ich mit der Zahnbürste im Mund versuchte, den Wasserstrahl mit der Hand so zu lenken, dass dieser den widerlichen Käfern mitreißen konnte.
Da passierte es:
Ein kurzer Schmerz in meinem Kopf, als würde eine Nadel durch mein Gehrin gerammt, das Gefühl, als ziehe mich etwas gen Waschbecken und das nächste, was ich sehen konnte, war das Innere des Waschbeckens aus einer ungewohnten Perspektive. Von unten sah ich den Wasserhahn hoch über mir und dachte noch, wie geht das denn? Hier passe ich doch gar nicht hin. Ich sah MICH über das Waschbecken gebeugt boshaft grinsen. Was tat ich dort? Was machte meine Hand? NEIN! Eine Sintflut Wassers spülte mich aus dem dem Waschbecken ins Rohr. Eine Runde drehte ich noch im Kreis und dann wurde es dunkel und laut um mich herum.

Ins Abflussrohr

Denken war nicht möglich, festhalten auch nicht. Irgendwo, egal wo nur irgendwo festklammern. Nur hatte ich keine Arme. "Was zur Hölle war das?" dachte ich noch und knallte erst gegen das Gitter vom Abfluss dann gegen die Rohrwand, fuhr Achterbahn durch den Siphon und floss dann zum Hauptfallrohr. Es rauschte, gurgelte, plätscherte und spülte so laut wie ein Orkan. Ich wurde hin und her geschleudert, um Ecken gewirbelt, über Kopf meterweit hinabgespült, durch Gitter gesogen und landete zuletzt in einem weiten Bogen in einer riesigen Wasserfläche. Dort schwamm ich dann.

In der Kanalisation

Während ich noch zu sortieren versuchte, was mir grad passiert war, zog mich das Wasser langsam mit sich. Es stank. Oh verflucht stank das hier. Zwischen riesigen Babywindeln, ewig langem Toilettenpapier, fußballfeldgroßen Kotzeresten, meterhohen fauligen Äpfeln und mannshohen Bergen von Kacke schwamm ich langsam dahin. Herzlichen Glückwunsch! Willkommen in meinem Leben. Meinem neuen Leben.

Die Ratte

Während ich noch so vor mich hin trieb und grübelte, hörte ich hinter mir ein Plätschern. Qualvoll langsam drehte ich mich im Kreis. Meine Ärmchen, ich hatte Ärmchen? Mehrere Ärmchen! Diese neuen Extremitäten ruderten mich langsam um die eigene Achse herum und ermöglichten mir damit einen Blick nach hinten. Weit entfernt, für meine momentane Größe jedenfalls, schwamm eine riesige Ratte so groß wie ein Haus, um eine einen alten Plastikeimer herum, der sie nochmals weit überragte.
Oha!
Was fressen Ratten?
Alles!
Wirklich Alles? 
Ja, du Idiot, ALLES! SCHWIMM!
Einfacher gedachte als getan. Meine Ärmchen brachten mir gar nichts. Aus meinem neuen und riesigen Augenwinkel konnte ich zwar reichlich Deckung sehen, doch war das alles unendlich weit weg. In meiner alten Größe wäre das kaum eine Handbreit gewesen, nun jedoch Meilen. Der Kotzerest versprach die sicherste Deckung, die braune Wurst war dichter dran und trieb von allein auf mich zu. Also doch dahin. Ich strampelte und strampelte, ich ruderte und ruderte doch ich kam einfach nicht voran. Während dessen trieb ich mit der Brühe weiter den Tunnel entlang. Hier und da tropften riesige Wassertropfen von der kilometerhohen Decke herab. Licht wie vom Himmel so weit, schien in dünnen Strahlen auf die dunkle braune Soße um mich herum.

Das Plätschern der Ratte kam immer näher und wurde immer lauter. Fast konnte ich sie atmen hören. Hier und da schien sie den schwimmenden Unrat um sie herum zu probieren. Schmatzte und schleckte und schwamm weiter in meine Richtung. Ohne etwas dagegen unternehmen zu können, drehte sich mein Körper schwimmend um die eigene Achse, so dass ich die Ratte sehen konnte. Dann wieder nicht. Dann war sie wieder im Blickfeld. Jedes Mal war sie näher dran. Konnte sie mich sehen? Konnte sie mich gar riechen? Was konnte ich tun? Nichts! Ich war wehrlos. Gefangen in einem Körper, der mir nicht gehörte, machtlos einem Tier gegenüber, welchem ich in meinem alten Leben nie Beachtung geschenkt hätte, musste ich zusehen, wie mein Tod näher schwamm, unfähig, etwas dagegen unternehmen zu können.

Ungewöhnliche Deckung

Mein Angst wurde groß und größer. Mein Herz schlug wild. Hatte ich überhaupt noch ein Herz? Da passierte es: Die Ratte schwamm nur noch wenige Zentimeter von mir entfernt und stieß mit ihrer Schnauze die braune Wurst an. Durch den Schwung, schwamm die Wurst rollend auf mich zu und drückte mich unter Wasser. Was für eine Vorstellung. Während ich noch versuchte, mich frei zu strampeln um wieder an die Luft zu kommen, merkte ich, dass ich an der Wurst festklebte. Sie drehte sich langsam um sich selbst und mit dem Rücken festgeklebt an der stinkenden, klebrigen Rolle kam ich wieder an die Wasseroberfläche und drehte mich weiter mit ihr nach oben. Entfernt erinnerte ich mich an die Reise in einem Riesenrad. Nur stanken die nicht so sehr. Während ich noch versuchte, Luft in meine Lungen, Verzeihung, was auch immer ich jetzt als Atemorgan nutzen musste, zu bekommen, sah ich die Ratte. Sie schwamm direkt neben mir und schnüffelte hier und da. Mir ihrer hinteren Pfote schlug sie das Wasser um voran zu kommen. Dabei traf sie dann auch mein Transportmittel.
Meine Wurst bekam einen Stups und drehte sich um die Längsachse, so dass ich nicht mehr höher gehoben wurde, wir uns aber langsam im Kreis drehten. Von der Berührung neugierig geworden, drehte sich die Ratte um. Oh nein! Hektisch strampelnd schwamm sie genau auf meinen schleimigen Träger zu. Schon spürte ich eine leichte Wärme, die von ihrem Körper ausging. Ich sah erste Barthaare und war sicher, dass mein Ende nahe war. Wieder bekam die Wurst einen Anstoß und drehte sich erneut. Wieder wurde ich unter Wasser gedrückt. Durch das Wasser löste sich mein Rückenpanzer von der Wurst und ich wurde nach oben gespült. Wie ein Korken flog ich aus dem Wasser und klatschte zurück auf die Wasseroberfläche. Da schwamm ich dann. Die Wurst vor mir, der riesige Körper der Ratte dahinter. Nasses, dreckiges Fell bedeckt von Schleim und grauer Feuchtigkeit drohten hinter der braunen Deckung hervor. Das Interesse der Ratte an der Wurst schien zu versiegen, sie schwamm weiter. Ein letztes Mal schaute sie sich um und schaute dabei direkt auf mich.
Die Zeit schien still zu stehen. Kein Laut war zu hören. Es gab nur die Ratte und mich. Sah sieh mich? Sahen ihre schwarzen Knopfaugen meinen winzigen unschuldigen Körper? Ihre Nasenspitze zitterte verdächtig, sog die Luft ein. Sie schnüffelte in meine Richtung und drehte dann den Körper hinterher. Sie schwamm auf mich zu. Das war's dann wohl. Adé du schöne stinkende Welt.
Immer dichter kam die Ratte, immer größer wuchs der Körper vor mir auf, immer lauter wurde ihr Strampeln und ihr Schnaufen. Ihre schwarzen, kalten Augen fixierten mich wie Stahl. Ich war unfähig auch nur eines der Ärmchen zu bewegen. Hilflos starrte ich auf meinen Todesengelratte.
Ich sah ihr Maul sich öffnen, lange weiße Zähne an der Spitze drohten mir einen harten, schnellen Tod an. Immer größer wurde das Maul vor mir, immer näher kam das Ende. Ihre Zunge leckte sich gierig über die Lefzen und zuckten gierig in meine Richtung. Dann war sie bei mir. Ein letztes Mal sah ich in ihren Rachen, vorbei an spitzen Nagezähnen und schloß die Augen. Das heißt, ich wollte es. Ich konnte meine Augen nicht schließen. Ich hatte keine Lieder. Da ergoß sich eine Sintflut aus dem Himmel über uns auf den Körper der Ratte und mich. Ein Wolkenbruchartiger Wasserschwall fiel aus einem Abflußrohr in der Decke über uns genau auf die Ratte und mich. Die Ratte quiekte erschreckt auf. Mehrer Blatt Toilettenpapier hatten sich über ihren Kopf gelegt und versperrten ihre Sicht. Ich wurde unter Wasser gespült und weit nach unten gedrückt. Um mich herum war es stockdunkel. Nur ab und an sah ich Lichtfetzen, während der Wasserstrahl mich in alle Richtungen drehte. Oben unten, links rechst? Was war das, eine Richtung? Während ich noch versuchte, zu verstehen, wo oben und unten war, zu erfassen, wo der Feind anfing und das Wasser aufhörte, wurde ich von einem kräftigen Sog erfasst und geradezu verschluckt.

Auf zum Klärwerk

Hurgs! dachte ich noch und abwärts ging es rasend schnell durch ein für menschliche Maße enges Rohr. Mit dem kräftigem Schub des Wassers schoss ich dahin. Es ging erst abwärts, um eine leichte Kurve herum und letztendlich flog ich in einem hohem Bogen aus dem Rohrende hinaus in ein riesiges dunkles Meer.
Sehen konnte ich nicht viel. Es gab kaum Licht. Hören konnte ich auch nicht viel. In meinen Ohren oder was auch immer ich da jetzt hatte, war Wasser. Und doch spürte ich etwas. Ein Vibrieren durch das Wasser. Nein, mehr ein Grollen. Sollte ich denn gar keine Ruhe mehr haben? Eine langsame Strömung trug mich dahin. Hier und da konnte ich anderes Treibgut ausmachen, jedoch kaum erkennen, was da so herum schwamm. Vielleicht war das auch gut so. Das Grollen im Wasser wurde stärker. Durch das Wasser schien ein Stoß zu gehen. Die bisher leise Strömung wurde schneller. Ich trieb nun schon in langsamer menschlicher Schrittgeschwindigkeit. Für mich, der ich nicht wusste wohin es ging, rasend schnell.
Das Ende dieser weiten dunklen Welt schien näher zu kommen, ich konnte eine noch dunklere Wand erkennen. Da durchfuhr mich ein Gedanke wie ein Blitz: Das Klärwerk. Ich war am Ende der dreckigen Kanalisation angekommen. Ein hysterisches Lachen durchfuhr meine Gedanken. Immer hatte ich das hier zu erleben all den Drecksviechern gewünscht, die ich all die Jahre getötet hatte. Nun erlebte ich es selbst. In einem Körper eines solchen ekelhaften Wiederlings. Und sollte so umkommen, wie ich es diesem Abschaum der Natur immer gegönnt und gewünscht hatte.
Ein neuer Gedanke durchbohrte mich: Was tat so ein kleiner mieser Käfer in meinem Körper? Würde er endlich vernünftiges Essen genießen? Gar mit meiner Freundin ... ich konnte und wollte nicht daran denken. Und ich hatte andere Sorgen. Vor mir bauten sich mit langen, säbelartigen Reißzähnen das Grobschmutzgitter auf. Davor türmten sich Äste, Laub, Windeln, diverse Reste von Kleidung und anderer Unrat, den ich nicht näher erkennen konnte und wollte. Hoffnung keimte in mir, dort konnte ich mich irgendwo festklammern und nach oben klettern, nein, krabbeln. Zu früh gehofft. Klein wie ich war, zerrte mich das Wasser gnadenlos mit sich. Unter einer alten Getränkedose hindurch spülte ich vorbei an einem toten Fisch durch das Gitter und hinein in ein breites Rohr. Dahinter wartete eine laut rauschendes Rohr mit einem Mahlwerk auf mich, so schien es. Kurz vermochte ich mich noch an einem Gitter festhalten, das heißt, ich wurde eher dagegen gedrückt, dann riss mich die Strömung mit sich.

Das Ende

Ich schrie, strampelte, rief und schlug um mich. Es dauerte, bis ich die Bettdecke von mir geworfen hatte und wieder frei Luftholen konnte. Mein Körper, mein menschlicher herrlich warmer und lebendiger Körper war zwar klatschnass aber ich lebte. Gott verflucht, ich war kein Käfer. Schwer atmend setzte ich mich auf den Bettrand. Mein Nacken schmerzte, der Hals tat weh. Meine Bettdecke hatte sich derart um mich gewickelt, dass sie mir fast die Luft abgeschnürt hat. Das Kissen tat sein übriges dazu bei, mir die Nacht zu versauen, in dem es steinhart meinen Kopf einklemmte. Dadurch und durch die Wärme unter der Decke, träumte ich schlecht.
Ich ging auf Klo. Erst pinkeln, dann was trinken. Als ich in der Toilette am Waschbecken vorbei schlurfte, hörte ich ein leises Kratzen. Ein kleiner Käfer hatte sich dorthin verirrt. Ich schaute ihn an. Lange Augenblicke schaute ich ihn an und öffnete dann den Wasserhahn.
"Gute Reise, Kleiner. Ich weiß, was jetzt auf dich zukommt."
Dann ging ich auf Klo.




Kommentar:

Die Idee zu dieser Geschichte entstand beim Zähneputzen. Der Anfang, dass ich durch Geisttausch in den Körper eine Käfers gesogen werden würde und dann weggespült wurde, schoß mir durch den Kopf und daraus wurde dann diese Geschichte.

Nachtrag 26.08.2012:

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass am Abend, nachdem ich diese Geschichte fertig und online gestellt habe, eine Motte mit weißem Kopf an meinem Waschbecken landete. Was soll mir das sagen?
Motte mit weißem Kopf am Waschbecken
Motte mit weißem Kopf am Waschbecken

© ist und bleibt beim Autor dieser Zeilen. Nachdruck, Verbreitung, Kopie und Veröffentlichung nur gegen Nachfrage.

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